Man rauchte ein bisschen was, und dann ging´s los. Oft, wenn nicht meistens mit einer oder zwei Stunden Verspätung, aber dafür ohne Pause und ohne gefühltes Ende. Um 1970 herum, als Embryo das Licht der Welt erblickte, war in der angesagten, subkulturell pointierten Rockmusik die psychedelische Phase in Gang, und was das bedeutete, kann man auf der Zwei-CD-Kompilation zur Geschichte des Projekts "Embryo" schön ermessen.
Was aber ist das "Projekt Embryo"? Manche meinen, Embryo komme aus München und sei die dienstälteste deutsche Rockband. Daran stimmt manches. Darüber hinaus ist Embryo ein inzwischen leicht patiniertes Namensschild auf einem Gefäß mit vielen Namen, eigentümlich differenter und differenzierter Musik höchst variabler Stilistiken, langen Reisen, weiten Verzweigungen. Das einzige Moment von Kontinuität darin scheint die organisierende, musizierende Gegenwart Christian Burchards zu sein, und er ist es, aus dessen Gedächtnis und mit dessen kompetent Rat gebender Hilfe die zwei CDs zusammengestellt sind, mit denen der 40. Geburtstag der Band begangen wird.
Embryo: "40" (Trikont). Live: Weseler Werft, Frankfurt: 3. Juli 2010.
Es ist eine Rückschau mit starkem Nostalgie-Potenzial, denn natürlich war früher alles besser: die Gitarrensoli, das Publikum, die indischen und afrikanischen und afghanischen und all die anderen Musiker, die Reisefreiheit und die Welt überhaupt, wer wollte das leugnen.
Angereichert von der Welt
Ein bisschen merkwürdig ist es schon, wie unbeschädigt und musikalisch ungemein angereichert die verschiedenen Embryo-Besetzungen ihre Reisen in verschiedene Weltregionen überstanden haben, die heute viel stärker vom Thema der Unsicherheit geprägt scheinen als damals.
Weil Embryo immer eher ein Projekt, ein Sammelbecken, ein Kristallisationskern und ein Konglomerat von Bewegungsrichtungen war als eine fest umrissene Band, hört man viele ausgezeichnete Musiker auf dieser CD, unter anderem Ramesh Shotam, Roman Bunka und Mal Waldron, Charlie Mariano, Shoba und Trilok Gurtu, Peter Michael Hamel oder auch Friedemann Josch, der später bei den Dissidenten landete. Denn die Dissidenten, die immer noch prominenteste nordafrikanische Welt-Rock-Band, nannten sich so, weil sie den Embryo-Kreis verlassen hatten.
Embryo, das ist wirklich mehr als Musik, beziehungsweise es ist das Maximum an kulturell angefüllter musikalischer Produktion, zu dem die deutsche Popmusik fähig war. Viel Kulturgeschichte der letzten vier Jahrzehnte spiegelt sich in der Musik, viel Brillanz, Kreativität, Experimentierlust und unbekümmerte, angstfreie Beweglichkeit. Das wäre für das, was man eine Band nennt, viel zu viel: Wenn Rock eine Religion ist, wofür manches spricht, dann ist Embryo unbedingt einer ihrer wichtigsten Propheten.