In den letzten Jahren war es still um Erich Wulff geworden. Den Vierzigjährigen von heute dürfte sein Name kaum noch ein Begriff sein. Für die Sechzig- bis Siebzigjährigen aber - gewöhnlich als "Achtundsechziger" bezeichnet -, war der Autor Erich Wulff eine Erleuchtung. Noch eher diffus auf eine wenig belastbare Protesthaltung gegen die militärische Intervention der USA in Vietnam eingestimmt, lasen wir die unter dem Pseudonym Georg W. Alsheimer 1968 erschienenen "Vietnamesischen Lehrjahre" als romanhaftes Dokument. Es öffnete uns die Augen für ein fremdes Land und für ein Verbrechen, welches im Namen der freien Welt an einem Volk am anus mundi begangen wurde. So avancierten Wulffs "Lehrjahre" zu einem der wichtigen Texte der Protestgeneration.
Wolfgang Fritz Haug hat das Buch einmal als "Bildungsroman der Epoche" charakterisiert. Daran ist so viel wahr, als der Autor seine Beobachtungen zum in Vietnam sich verdichtenden Weltbürgerkrieg und zu dem ungeheuren Gewaltpotential, das dieser freisetzte, mit subjektiven, autobiographischen Erfahrungen verband, die für das Lebensgefühl der Achtundsechziger prägend wurden. Zuvor war schon Wulffs Artikel "Die Amerikaner in Vietnam" gedruckt worden - eine "Bombe", wenn man so will, die international einschlug: Herbert Marcuse brachte den Text in Amerika, Jean-Paul Sartre in den "Temps modernes". Das von Bertrand Russell begründete Vietnam-Tribunal rief in den siebziger Jahren Wulff in den Zeugenstand.
1926 in Tallinn geboren, Kriegsteilnehmer und Kriegsgefangener, ließ Wulff sich zum Psychiater ausbilden und nahm zwischen 1961 und 1967 einen Lehrauftrag an der medizinischen Fakultät der Universität Hué in Vietnam wahr - diese Zeit machte ihn sozusagen zum Vietnamexperten. Als Oberarzt an der psychiatrischen Universitätsklinik Gießen, wo er sich 1969 habilitierte, gehörte er zu den ersten Psychiatern, die dem Elend der geschlossenen Psychiatrie mit einer energischen Öffnung begegneten. Im Austausch mit Franco und Franca Basaglia und anderen reformorientierten Psychiatern betrieb Wulff wie kein zweiter den Umbau der Psychiatrie zu einem menschenwürdigen Ort.
Als Professor für Sozialpsychiatrie an der Medizinischen Hochschule Hannover (seit 1974) und als affilierter Professor an der Universität Paris VIII beschäftigte sich Wulff nicht nur mit Problemen der Psychiatriereform, sondern auch mit Fragen der Ethnopsychiatrie, zu denen er durch den französischen Ethnopsychpanalytiker Georges Devereux angeregt wurde. Am 31. Januar ist Erich Wulff, ein Mit-Leidender mit den Verdammten dieser Erde, in Paris gestorben.