Der Mann hatte schon immer viele Feinde. Neu in der Riege ist nun aber die "Königliche Gesellschaft zur Verhütung von Grausamkeiten an Tieren". Die englische Tierschutzorganisation fühlte sich bemüßigt, eine Untersuchung einzuleiten gegen Mark E. Smith.
Der Sänger, Songschreiber und diktatorische Alleinherrscher von The Fall hatte in einem Interview, höchstwahrscheinlich böse grummelnd, zugegeben, ein paar Eichhörnchen mit der Heckenschere ins Jenseits befördert zu haben. Die süßen Tierchen hatten es gewagt, seinen Gartenzaun anzunagen. Und weil er schon mal in Fahrt war, ließ Smith auch gleich noch wissen, dass er kein Problem damit habe, hin und wieder eine Möwe zu überfahren.
The Fall: "Your Future Our Clutter" (Domino/ Indigo)
Die königlichen Tierfreunde übten sich in britischem Understatement und fanden das "extrem unverantwortlich", aber die Gesinnungsgenossen von PETA sprangen ihnen zur Seite und schmähten Smith als "Has-been singer". Womit sie ja nicht unrecht hatten: Denn eigentlich hat Mark E. Smith noch nie gesungen.
"Cowboy Goerge" von The Fall, Track vom Album "Your Future Our Clutter"
Was er auch auf "Your Future Our Clutter" wieder demonstriert. Das neue Album von The Fall ist ein Meisterwerk, wie man es von Smith gewohnt ist: Voller stumpfer Rhythmen, bösartigem Nichtgesang und dezidiert schlechter Laune. Smith verzichtet mal wieder auf Melodien, die überlässt er all den Idioten, die sich in den Charts tummeln, und spuckt stattdessen, wie seit 1976 gewohnt, auch auf dem nun schon 28. Studioalbum von The Fall mal wieder Gift und Galle.
Wen er diesmal auf dem Kieker hat, das ist, wie üblich, nicht ganz einfach zu entschlüsseln. Davor steht zum einen der zähflüssige Manchester-Dialekt. Zum anderen der nasale, nicht gerade auf um Verständnis heischende Vortragsstil. Und es ist auch egal: The Fall funktionieren anders. Denn sie sind die letzte echte Punkband.
Man musste damals auch nicht verstehen, was Johnny Rotten so sang, um zu spüren, dass die Sex Pistols einen verdammten Hass auf alles hatten - auch sich selbst. Und diese nörgelnde Unzufriedenheit, den penetranten Zweifel, die besserwissende Arroganz des Nihilisten, all das bringt heutzutage niemand so zum Klingen wie Mark E. Smith. Dafür hat die Zeitung "Guardian" den 53-Jährigen erst kürzlich, wenn auch mit leichter Ironie, zum "nationalen Kulturgut" ernannt.
So auf dem Sockel platziert, hat Smith vor zwei Jahren unter dem Titel "Renegade" seine Memoiren veröffentlicht. In ihnen stilisiert sich der Mann mit der vom Nikotinmissbrauch knarzenden Stimme, wie es schon der Titel verspricht, zum "Abtrünnigen", der die gesellschaftlichen Konventionen unterläuft. Ein gewisser Nick Cave fand die autobiografischen Ausführungen des Kollegen zwar "weinerlich", aber tatsächlich hat sich Smith längst Ikone-Status erarbeitet.
Nicht nur, weil er mit all seiner Exzentrik und Nörgelei stellvertretend ein urtypisches britisches Bedürfnis nach Andersartigkeit befriedigt. Nicht nur, weil er in einer Seifenoper als kettenrauchender Jesus auftrat. Sondern auch, weil er allen Moden trotzt und unerschütterlich den Geist des Punk am Leben hält.
Auch bei der musikalischen Untermalung seiner bitterbösen Wortschwälle verfährt Smith weiter konsequent nach den Prinzipien des Punk. Heutzutage ist es gar nicht mehr so einfach, wirklich unkommerzielle, sich widersetzende Musik zu machen, ihm aber gelingt es stets problemlos. Auch die Stücke auf "Your Future Our Clutter" wälzen sich dahin, grimmen und grummeln wie ihr Schöpfer, verlieren sich bisweilen in der eigenen Eintönigkeit, bevor sie in mies gespielten, aber dafür schön atonalen Solo-Kakophonien enden.
Dass seine Band auch im dritten Jahrzehnt noch so widerborstig klingt, erreicht Smith mit einem auf manisch-depressiven Charakterzügen bauenden Schreckensregime und dem ständigen Auswechseln der Bandmitglieder. Die Legenden, die The Fall umgeben, sind ohne Zahl: In ihnen stehen Musiker plötzlich am Straßenrand und sind ehemalige Bandmitglieder. Bierdosen werden über den Köpfen von Busfahrern entleert. Streit und Prügeleien, Ezesse, ausgiebiger Drogenkonsum.
Aber: Hinter dem Wahnsinn, hinter der Raserei und der Exzentrik steckt Methode. Smith glaubt an kreative Reibung. In dem Moment, da seine Band droht allzu konventionell zu klingen, zerstört Smith die gewachsene Struktur und löst das sich anbahnende Vertrauensverhältnis auf. Er schmeisst den Drummer mitten in Schweden aus dem Bandbus und rekrutiert beim nächsten Auftritt aus dem Publikum jemanden, der möglichst wenig Ahnung vom Schlagzeugspielen haben sollte.
Die Schätzungen variieren, aber ungefähr ein halbes Hundert Musiker hat Smith so bereits verschlissen. "Auch wenn's nur Ich und Deine Oma an den Bongos sind", sagte Smith einmal, "dann ist es immer noch The Fall." Oh ja, und dass mit Mark E. Smith - ob mit oder Oma - nicht zu spaßen ist, das wissen ja nun bereits die englischen Eichhörnchen.