Die letzte Riege der großen Popproduzenten hat in jedem Track ihren "Tag" hinterlassen, wie die Signatur im Graffiti-Slang heißt. Timbaland oder Pharrell, die beiden Beatbastler aus Virginia Beach, bestimmten die Charts, als die zum letzten Mal einen Rest an Aussagekraft besaßen. Heute verrät eine Hitparadenplatzierung wenig über die Popularität in der Praxis - wer was und wie oft hört, entzieht sich der Kenntnis der bewachten Bezahlwelt. Timbaland und Pharrell haben oft noch ein Chörchen oder einen kleinen Rap in die Hits für Madonna, Nelly Furtado oder Justin Timberlake montiert. Das Preisschild wurde stets mitgesungen.
Auch klanglich konnte man die Wertarbeit gleich zuordnen. Timbaland dank minimaler Perkussion und breiten Synthieflächen. Pharrell wegen seiner knackigen Sachen - mehr Hiphop, mehr Latin. Keine Angst, das soll kein Nachruf werden, nach unseren Informationen geht es den beiden gut. Sicher scheint nur, dass ihr Modell gerade an sein Ende kommt. Denn die neue Generation der Produzenten verhält sich grundlegend anders. Zwei davon haben gerade ein gemeinsames Album gemacht: Der eine heißt Diplo und wurde in Philadelphia auf den Namen Wesley Pentz getauft. Der andere Switch, aus London, bürgerlich Dave Taylor.
Major Lazer: "Guns Don't Kill People Lazers Do", Downtown, Cooperative Music / Universal
Als Remixer sind Diplo und Switch überall, sie holen den Sound aus den städtischen Dauerkrisengebieten, aus den Läden in Rio, Miami oder irgendwo in Afrika und bereiten ihn neu auf. Besonders berühmt wurden sie als Klangkreatoren für M.I.A. und für Santogold (mittlerweile Santigold), den beiden hippsten Damen der Klubkultur, wenn man darunter die globalisierte Stilkernschmelze versteht, die am Ende stets in Brooklyn explodiert.
Major Lazer, Hold the Line
Das neue Projekt von Diplo und Switch klingt über weite Strecken homogener als die hochtourig verquirlten Alben ihrer Künstlerdamen: Major Lazer ist eine eigens erfundene Comicfigur aus Jamaika, ein Superheld mit Laserkanone statt eines Unterarms. "Guns Don't Kill People Lazers Do" ist folglich eine Platte, die klar der jamaikanischen Dancehall und dem Roots Reggae huldigt, in Kingston Sängerinnen und Sänger ins alte Studio von Bob Marley holte und Tracks baute, welche die Dancefloors auch mit ein paar heimischen Soundteppichen auslegen, mit Elektro und mit House also, der neuen alten Jugendmusik.
Das karibische Flair, der synthetische Hauch von Palmen und Kokosnuss, der bei Acts wie Rihanna oder Mattafix die Sinne schmiert, weicht hier strengeren Gerüchen. Es ist Sommer, wir sind in der Großstadt, und das ist keine Kulisse, sondern Realität für allerlei Rauheiten, die man durchaus als Symptome einer tiefergehenden Krise als jener der Tonträgerindustrie verstehen sollte. Kurz, wir hören wieder mal einiges an Machosex, Kifferquatsch, Babylon-Verehrung, gelegentlich unterbrochen von ein paar Schüssen. Mal hart, mal weich, mal als schroffe Dancehall, mal als samtener Roots Reggae, dessen Weichspülfaktor nicht als Harmlosigkeit, sondern als letzter Versuch des Cool vor der Eskalation verstanden werden muss.
Dass die schöne, weil ungeschönte Platte auf Schwulenhass und Mördergeschichten verzichtet, darauf sind Diplo und Switch übrigens stolz, da konnten sie sich durchsetzen, sagen sie. Nicht nur da, ihre Autorität und ihr Riecher für Restmärkte kommt auch in den beiden Singles zur Geltung. "Hold The Line" wird von Handygeräuschen und einem unverschämten Produktrefrain geschmückt: "I'll make your jeans vibrate like a Nokia". In den Discos ein sicherer Sommerhit - seltsam abstrakt, dabei hüftbetont, ein bisschen bescheuert. So richtig ans Discomieder geht dann aber erst "Keep it Going Louder" mit Nina Sky und Ricky Blaze, da sind die Ballermann-Balearen nicht mehr weit, wenn auch ironisch um die Ecke gekotzt.
Dass die beiden Produzenten gemeinsam ein Album machen, statt einzeln den Markt zu kitzeln, und dabei auch noch hinter einem Pseudonym verschwinden, lässt auf große Gelassenheit schließen. Oder muss als weiteres Krisensignal gewertet werden. Wahrscheinlich letzteres - warum Geld in gleich zwei Alben investieren, die keiner kauft? Wenn Diplo und Switch über die Krise reden, meinen sie, dass sie vor zehn Jahren ein Mehrfaches verdient hätten. In Jamaika bedeutet Krise aber, dass nicht nur keiner Tonträger kauft, sondern dass es auch kaum noch neue gibt. Wenn der Amerikaner Diplo und der Englänger Switch in Kingston Studiozeit buchen und unterbeschäftigte Szene-Stars einbinden, darf man das auch vor diesem Hintergrund verstehen. Ska, Reggae und Dancehall standen seit jeher im Austausch mit Städten wie Miami, New York und seit Punk ganz besonders mit London - das setzt das aktuelle Projekt der beiden Djs in eine Tradition, von der dieses Album gerne profitiert.