"Minor Love" bringt zur Hälfte Greens bekannte und lässige Miniaturen zwischen Texas-Folk und Las-Vegas-Glamour zur Geltung, geträumt von einem schönen jüdischen Jüngling aus gutem Ost-Küsten-Haus. Erst die zweite Hälfte zeigt den gewachsenen Green. Einen Green, der sich aus den immer gleichen ironischen Umarmungen löst. Die Musik zieht gegen Westen, nach Kalifornien. Ins Land des Versprechens. "Don"t call Me Uncle" gehört zum Schönsten, was Green je gesungen hat. Nur ein paar Spuren Stimme und eine nah an der Melodie gezupfte Gitarre. Eine kleine Geschichte des Aufbruchs, Nicht-Wissens, Ankommens, Hoffens, Bangens. Es sind diese drei Minuten, die vielleicht bedeuten: Man muss auch mal rauskommen aus diesem New York. Aus dieser Rockgeschichte. Aus diesen Mythen von Stoffturnschuhen, Lederjacken und Röhrenjeans in gefährlichen Gegenden, als blondierte Frauen noch rauchten.
In New York, im Sidewalk Café, wo Adam Green als Künstler groß wurde, ist im Winter 2009 /2010 eh nichts mehr los. Die Portionen auf den Tellern sind mächtig, der Schnaps mickrig. Auf dem Weg zur Toilette kommt man an der Bühne vorbei und einem Schild, man solle nicht stehen bleiben, sondern bezahlen. Es ist mehr ein Hinterzimmer. Ein einsamer Mittvierziger singt von sozialer Sicherheit und spielt akustische Gitarre. Hinter ihm das Logo des Ladens: "Home of Anti-Folk". Was sich mal nicht definieren lassen wollte, wirbt nun um Touristen.
Ein paar Straßen weiter südlich steht ein junger langbeiniger Mann vor einem Schaufenster in der Mulberry Street. Er hat was von Joey Ramone, wäre dieser schön gewesen und nicht als jüdischer Junge mit schlechten Zähnen im Stadtteil Queens geboren. Der Unterschied zwischen 1978 und 2009: Der Schönling vor dem Schaufenster hat vermutlich eine Krankenversicherung. Ob er auch in ein Schweizer Internat ging wie Julian Casablancas?
Joey Ramone, 2001 gestorben, hängt derweil im Museum of Modern Art. Die MoMA-Ausstellung "Looking at Music - Side 2" hat gerade die Helden des New Yorker Punk und der New Wave geehrt. Plattenhüllen hingen wie Klassiker der Moderne an der Wand (was sie ja auch sind). "Marquee Moon" von Television, "Take me to the River" von den Talking Heads, "Horses" von Patti Smith. Die Videos von Bob Gruen zeigten chaotische Parodien auf TV-Shows, in denen die Musiker von Blondie mit dem Moderator kiffen. Und die Begleittexte erinnerten immer wieder daran, wie der experimentelle Geist mit den damals günstigeren Mieten zusammenhing.
In diesem Winter in New York kann ein langer Blick in die "Village Voice" schwindlig machen, in welchem Jahr man sich denn gerade befindet. Kein Tag ohne alte Punk-Heroen in hochkulturellen Rahmen. Devo spielen Abend für Abend ihre Alben für 74 Dollar nach (es sind kurze Alben). Sonic Youth und andere ließen sich gerade vom Kunst-Star Mike Kelley zu einem Best-of-New-York-Avantgarde "kuratieren". Es kann gut sein, dass auch Green und Casablancas die baldige Musealisierung droht. Casablancas arbeitet daran. Green schwingt sich immerhin schon mal in den Sattel und reitet weiter. Ob mit einer frischen Zigarette oder nur mit einem Grashalm im Mund, konnten wir nicht ermitteln.