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Richard-Strauss-Oper: Ein Brauch von alters her

Bettina Göschl hat Herbert Wernickes Münchener Inszenierung der "Elektra" von 1997 mit Christian Thielemann als Dirigent neu einstudiert - ohne Einbußen.Von Hans-Jürgen Linke

Dirigierte in Baden-Baden: Christian Thielemann.
Dirigierte in Baden-Baden: Christian Thielemann.
Foto: ddp

Bräuche sind lebenspraktische Zauberformeln, man muss sich nur an sie halten, dann kommt man gut durchs Leben. Blutrache ist ein solcher Brauch, aber da liegt die Sache kompliziert: Bringt eine Frau mit ihrem Liebhaber ihren Mann um, ist der Sohn zuständig, Mutter und Liebhaber seinerseits umzubringen; fällt der Sohn aus wichtigen Gründen für diese Aufgabe aus, ist die älteste Tochter an der Reihe.

In Richard Strauss´ "Elektra" nach dem Libretto Hugo von Hofmannsthals ist textlich und musikalisch der aufwühlende psychische Vorgang des Konservierens von Rachegefühlen gestaltet und die befreiende Wirkung der Tat, vielschichtig, in einem hoch verdichteten dramatischen Geflecht von motivischer Arbeit, expressiv und ohne lyrische Entschuldigungen: So will es der Brauch, über die Folgen wird später räsoniert.

Der vor acht Jahren verstorbene Herbert Wernicke hat 1997 Strauss´ "Elektra" für die Bayerische Staatsoper in München inszeniert, Bettina Göschl hat die Inszenierung jetzt für das Festspielhaus Baden-Baden neu einstudiert und sich dabei auf eine Besetzung von rarer Qualität stützen können. Für die musikalische Leitung zeichnet Christian Thielemann verantwortlich. Den Münchner Philharmonikern gelingt unter seiner Leitung eine Interpretation, die stets Bewegung und Gegenbewegung hörbar macht, vor monumentalen Klangkulissen nicht zurückschreckt und mit enormen dynamischen und agogischen Spannweiten umzugehen weiß, die für das vielschichtige räumliche Breitwand-Klangbild die vorzüglich differenzierten akustischen Eigenschaften des Baden-Badener Festspielhauses zu nutzen vermag und dem Publikum keinen Moment des Weghörens gönnt: Hier wird nie untermalt oder begleitet, hier verlangt jede Note eine Entscheidung und einen Punkt im Raum, für den sie zuständig ist. Manchmal nur hätte man sich etwas mehr Rücksicht auf die Sänger wünschen mögen, die gleichwohl für sich selbst zu sorgen wissen.

Elektra wartet mit dem Beil

Elektra, eher entscheidungsstarke und leidensbereite Zeremonienmeisterin des blutigen altgriechischen Brauchtums als handelnde Person, steht mit geringem Aktionsradius auf einem Podest rechts auf der Bühne, das bedeutungsschwer blinkende Beil in der Hand, auf den Rächer wartend, den Prozess des Wartens expressiv gestaltend und mit hohem Druck das Richtige tun wollend.

Linda Watson bringt eine enorme stimmliche Präsenz auf die Bühne und gerät trotz ihrer in hohen Dosen abrufbaren unforcierten Kraftentfaltung nicht in die Gefahr undifferenzierter Dauer-Hochdynamik. Ihre Partie enthält eine klar begrenzte Palette von Gefühlslagen, und in denen ist sie glühend und perfekt zu Hause, mit kleinen Ausruhphasen in tieferen Lagen und manchmal überraschenden Intonationsweisen.

Jane Henschel als Racheobjekt Klytämnestra hält souverän mit, modelliert feine Abstufungen von Zögern und Unsicherheit in ihre Stimmführung, als sie sich fragt, welches Tier man nach altem Brauch schlachten müsse gegen ständig wiederkehrende Albträume, und schwingt sich zu einem erstaunlich subtilen Triumph auf, als die falsche Nachricht von Orests Tod die Runde macht.

Die dritte Frau im Dreieck der Rache ist Manuela Uhl als Chrysothemis, eher getrieben als entschieden, eher randständig als voranschreitend und daher mit lyrischen Aufgaben betraut, beweglich, ohne Schwächen, mit einem großen Reichtum an intensiver Gestaltungsfähigkeit. Orest ist hier nur der Täter, seine Rolle vergleichsweise kleinformatig, die emotionale Schwerarbeit verrichtet Elektra; Albert Dohmen aber hat einen massiven, durchdachten Auftritt. René Kollo als Aegisth gibt den alternden Liebhaber als vielschichtige Figur im Vollbesitz schwindender Kräfte.

Klare Bewegungsabläufe

Wernickes Inszenierung sieht für jede der Figuren klare Bewegungsabläufe vor und neigt an keiner Stelle zum Psychologisieren: Es geht nur um die Frage, wie die vorgezeichneten Wege gegangen werden und wie groß die Gefahr des Abweichens ist. Das Bühnenbild ist einfach und monumental: eine großformatige, um ihre Diagonalachse drehbare Platte als Rückwand, dahinter eine Treppe, die mal einen Weg zeigt, mal verdeckt ist, verschiedene großflächige Farb-Effekte, eine halsbrecherisch filigrane Treppe vom Balkon herunter auf die Bühne für die von außen Kommenden: Das ist alles. Es ist gerade so viel wie nötig, und es weist auf die nicht mehr menschlichen Maße des hier zelebrierten Mythos hin.

Die Inszenierung gibt dem eigentlichen Schauplatz des Dramas, der Musik mit ihren erstaunlichen Ausmaßen, Schichtungen und Verdichtungen, ihr Recht und weist den Sängern ihre Plätze zu, ohne sich bescheiden an die Seite zu begeben. Sie markiert in der Radikalität ihrer signifikanten monumentalen Leere sicher einen Extrempunkt des Inszenierungswesens dieser Jahre und hat seit der Premiere von ihrer Eindrücklichkeit nichts eingebüßt und keine Patina angesetzt.

Festpielhaus Baden-Baden, 1. und 4. Februar. www.festspielhaus.de

Autor:  Hans-Jürgen Linke
Datum:  1 | 2 | 2010
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