Es hat allerhand gebraucht, mehr als mancher Mensch verdauen kann: Einen Sack Psychopharmaka, verschiedene Hektoliter Alkohol, ein paar Paletten Red Bull, ein amerikanisches Scheitern, Aufenthalte in Entzugskliniken und, dem Vernehmen nach, sogar ein krankhaft übersteigertes Interesse an Außerirdischen. Aber nun ist Robbie Williams wieder zurück. Und versucht sich an der nachhaltigen Verwandlung vom Teenie-Helden zum Autoren-Popstar.
Sein neues Album "Reality Killed The Video Star" ist das erste seit drei Jahren, eine kommerziell potenziell tödliche Pause im Popgeschäft. Der Einstieg soll denn auch sofort die Entfernung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, die Diskrepanz zwischen dem alten und dem neuen Robbie überbrücken: "Morning Sun" kommt daher wie eine Ballade, die zum einen sehr an Williams´frühe Hits erinnert, an jene vierminütigen Epen mit Hang zur großen Geste. Andererseits aber reaktiviert er im Text nicht etwa ein zeitloses Popthema wie die Liebe, sondern stellt die in den letzten Jahre angehäuften Selbstzweifel offensiv zur Schau: "A message to the troubadour/ The world don´t love you anymore".
Robbie Williams: "Reality Killed The Video Star" (Virgin/EMI).
Es wird nicht die letzte Referenz an den eigenen Abstieg bleiben. Doch tatsächlich, nun da er zurück ist, sieht die Botschaft an den Troubadour anders aus. Die Welt liebt Robbie Williams immer noch. Zumindest der Teil der Welt, der ihn immer schon liebte, also die ganze Welt außer den USA. Das gute alte Europa begrüßt den längst in Los Angeles lebenden Williams im Alter von 35 zurück im Leben wie einen lieben Bekannten, erleichtert, dass er schwere Zeiten halbwegs unbeschadet überstanden hat.
"Morning Sun", Robbie Williams in Berlin am 23. Oktober 2009
Diese Rückkunft ist allerdings nicht mehr flankiert von der pubertierend kreischenden Hysterie früherer Tage. Stattdessen wird Williams wahrgenommen als immer schon talentierter, nun aber voll ausgereifter Entertainer. Passend dazu wird er im kommenden Februar bei den BRIT Awards, dem britischen Gegenstück zur Grammy-Verleihung, mit dem Preis fürs Lebenswerk geehrt.
So wirken, rückblickend betrachtet, die vielen kolportierten Exzesse, Skandale und psychischen Probleme fast wie ein unvermeidliches Purgatorium, eine Prüfung von den Ausmaßen eines klassischen Dramas, die nötig war, um ein Teenie-Idol zum Künstler zu veredeln. Wie um das zu beweisen, verarbeitet Williams die Deformationen durch den Ruhm in einem Song wie "Starstruck" oder wendet sich der Finanzkrise zu und fragt ironisch: "What´s so great about the Great Depression?"
So gerät "Reality Killed The Video Star" zum Dokument dieses Reifungsprozesses. Unter der Regie von Produzentenlegende Trevor Horn schreitet Williams ein breites musikalisches Spektrum ab: Selten wohl hat man so selbstsichere Balladen gehört; die Indie-Rocksongs zitieren mit schneidigen Gitarren und zackigen Rhythmen Branchengrößen wie Franz Ferdinand; einige wenige elektronische Beats suchen Anschluss an die Club-Kultur, andere erweisen Depeche Mode die Ehre; und die butterweichen Popsongs mit dem Anspruch auf Zeitlosigkeit erinnern bis ins liebevolle Detail an die mittlerweile heilig gesprochenen Prefab Sprout.
Vieles davon kennt man aus der Vergangenheit von Williams, einiges ist neu. Verändert aber hat sich vor allem seine Haltung: So eingängig das Material zum Teil auch sein mag, über der ganzen Unternehmung liegt eine sehr erwachsene Melancholie. Robbie Williams ist nicht nur zurückgekehrt, er hat sich neu erfunden als gut abgelagerter Popstar für ein mit ihm gealtertes Publikum. Der neuen Mündigkeit angemessen, liefert er in "Last Days of Disco" die passend zitierfähige Zeile gleich selbst: "Don´t call it a comeback", verlangt Williams singend, "look what I invented here".