Der Mann ist ungesund. Wissenschaftler fanden heraus: Aviv Geffen ist nicht etwa, wie bislang angenommen, der bedeutendste Rockstar Israels, sondern ein Gesundheitsrisiko. Eine Studie des Krankenhauses im nordisraelischen Afula jedenfalls konnte eine Korrelation nachweisen zwischen den Selbstmordabsichten der Patienten und denen von ihnen konsumierten Geffen-Songs.
Dass andererseits der israelische Gesundheitsminister den selben Sänger schon mal als Aushängeschild für eine Anti-Nikotin-Kampagne gewinnen wollte, illustriert zweierlei. Erstens: wie umstritten Aviv Geffen in seiner Heimat ist. Zweitens: dass sein Einfluss auf die Jugend des Landes kaum hoch genug eingeschätzt werden kann.
Doch im kleinen Israel stößt Geffen nach elf Alben, gut zweieinhalb Millionen verkauften Platten und unzähligen Skandalen und Kontroversen schon lange an Grenzen. Der 36-Jährige will endlich ein internationales Publikum erobern. Dazu hat er sein erstes Album nur mit englischen Texten aufgenommen und bringt es unter dem Titel "Aviv Geffen" heraus - als sei es ein Debüt.
Aviv Geffen: "It's Cloudy now", live in Wien 2009
So hört es sich natürlich nicht an. Nicht nur, weil einige der Titel bereits in ihren Originalversionen große Hits in Israel waren und die neuen Lieder eher bräsig daherkommen. Sondern vor allem deshalb, weil eine international renommierte Produzenten-Riege für einen geradezu amtlich abgesegneten Sound gesorgt hat: Durch das dramatische Epos "Berlin" walzen nun die schwerblütigen Streicher eines mittelgroßen Orchesters, während "It´s Alright" als fast schon sonniger Popsong daher kommt. "October" wirkt wie ein zur Parodie übersteigerter Musical-Song und steht so im Kontrast zu "It Was Meant To Be A Love Song", das mit düsterer Elektronik hantiert. Verantwortlich für diesen Parforce-Ritt durch den radiotauglichen Mainstream-Pop zeichnet neben Ken Nelson, der schon die Weichspüler von Coldplay betreuen durfte, und David Andrew Sitek, dem Gitarristen der New Yorker Art-Rockband TV On The Radio, auch Legende Trevor Horn. Er hat schon alles produziert, was vor allem teuer ist, von Tina Turner bis Seal.
Ob Geffen in diese Sphären wird vorstoßen können, darf bezweifelt werden. Ist dieses neue Album doch nicht sein erster Versuch, den israelischen Markt mit seinen nicht einmal acht Millionen potentiellen Kunden hinter sich zu lassen. Schon 2004 stellte er mit Steven Wilson, dem Sänger der britischen Band Porcupine Tree, eine Band zusammen. Blackfield veröffentlichten bislang zwei Alben und tourten in Nordamerika und Europa.
Auch mit Blackfield nahm Aviv Geffen bereits einige seiner alten Songs noch einmal in englischer Sprache auf. Darunter war sein erster und bis heute größter Hit, der als "It´s Cloudy Now" auch diesmal vertreten ist. Der Song, von Geffen mit kaum zwanzig Jahren geschrieben, wurde in Israel zur Erkennungsmelodie einer Generation und wird bei Konzerten wie eine Hymne mitgesungen. Geffen ist die Symbolfigur einer Jugend, die im Nahost-Konflikt aufgewachsen ist und sich nach Frieden sehnt. Die prägendste Erfahrung in Geffens Leben, das Erlebnis, das ihn, wie er sagt, bis heute verfolgt, das ihn aber auch in diese prominente Position befördert hat, wurde die Ermordung von Jitzchak Rabin. Er war bei der Friedenskundgebung 1995 aufgetreten, die dem Attentat vorausging, und er hatte den Premier, der eben den Friedensnobelpreis erhalten hatte, Sekunden vor den Schüssen noch demonstrativ umarmt. Nicht erst seitdem ist Geffen bemüht um die Aussöhnung zwischen Israelis und Palästinensern und einer der lautstärksten Kritiker der israelischen Politik.
Er selbst stammt aus einer Familie, die er als die Kennedys Israels bezeichnet hat - wenn auch ohne den Reichtum der Politiker-Dynastie. Obwohl sein Onkel der langjährige Außenminister und legendäre Held des Sechs-Tage-Krieges, Moshe Dayan, ist, verweigerte er als einer der ersten den Dienst in der Armee. Seitdem hat Geffen immer wieder provoziert: Mit extravaganten Bühnenshows und androgyner Aufmachung, mit denen er die israelische Macho-Kultur verunsichert, mit seinen politischen Aussagen und mit seinen sozial- und gesellschaftskritischen Texten. Die sind auch auf dem aktuellen Album wieder kontrovers. Einer der neuen Titel, "Heroes", predigt einen in Israel aus offensichtlichen Gründen umstrittenen radikalen Pazifismus und endet mit den Zeilen: "Don´t send your boy, when the country calls you".
Deshalb lebt Geffen seit seinem Durchbruch mit Todesdrohungen. Vor allem ultraorthodoxen Juden und rechten Nationalisten ist er das liebste Feindbild. Auf die Straße wagt er sich nur noch mit Leibwächtern, und auf der Bühne muss er mitunter eine kugelsichere Weste tragen. Er sei bereit, sagt er immer wieder, für seine Überzeugungen notfalls zu sterben.