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26. November 2012

Rolling Stones in London: Die Stones rocken wie eh und je

 Von Robert Rotifer
Die Rolling Stones in London. Foto: dapd

„Geht’s allen gut da oben auf den billigen Plätzen?“, fragt Mick Jagger gutgelaunt ins Publikum. Riesenwitz, denn billige Plätze gab es gar keine beim Jubiläumskonzert der Rolling Stones in London. Für das Vergnügen wurden schnell mal mehrere Hundert Euro fällig - den Fans war's jeden Cent wert.

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„Geht’s allen gut da oben auf den billigen Plätzen?“, fragt Mick Jagger gutgelaunt ins Publikum. Riesenwitz, denn billige Plätze gab es gar keine beim Jubiläumskonzert der Rolling Stones in London. Für das Vergnügen wurden schnell mal mehrere Hundert Euro fällig - den Fans war's jeden Cent wert.

„Ihre Musik ist gut, um böse Dinge dazu zu machen“, empfiehlt Johnny Depp den 20.000 versammelten Zuschauern in einem kleinen Film-Intro vor Beginn des ersten von fünf Konzerten zum 50. Jubiläum der Rolling Stones. Die Möglichkeiten, der Inspiration zu Missetaten zu folgen, sind in der klinischen Umgebung des Londoner O2 Centre mit seinem äußerst wachsamen Sicherheitspersonal freilich ziemlich eingeschränkt.

Und doch wirken die Stones im Feld des Veteranen-Rock immer noch ein gutes Stück gefährlicher als die Konkurrenz. Zum Beispiel als Mick Jagger nach den ersten Songs „I Wanna Be Your Man“ und „Get Off My Cloud“ seinen Silberhut in Richtung Backstage zwirbelt und sich in schamloser Publikumsverarschung übt. „Geht’s allen gut da oben auf den billigen Plätzen?“ fragt er: „Sie sind aber gar nicht wirklich billig, oder? Das ist der Jammer.“

Ein Augenblick des Johlens und Pfeifens rundum. Ein Mann, der für sein Ticket umgerechnet runde 470 Euro hingelegt haben muss, bellt ein herzhaftes „Fuck off!“ in Richtung Bühne. Aber just bevor die Laune kippt, zieht die Band mit einem beherzten „It’s All Over Now“ das Publikum auf ihre Seite und lässt es nicht mehr los – bis zum Ende der Show zweieinhalb Stunden später.

Was in diesem Jahr nicht schon alles passiert sei, stellt Jagger fest: „Wir hatten das diamantene Krönungsjubiläum der Queen. Da haben wir nicht gespielt. Dann die Olympischen Spiele. Da sind wir auch nicht aufgetreten. Sogar 50 Jahre James Bond. Dafür haben wir auch keinen Song geschrieben.“ Die Botschaft ist unmissverständlich: Die Stones sind sich selbst Ereignis genug.

Einer leicht verwackelten Version von „Paint It Black“ folgt der magische Moment, da sich die letzten Krämpfe lösen: „Gimme Shelter“ mit einer grandiosen Mary J. Blige in der Rolle der Merry Clayton. Keith Richards – äußerlich verwittert, aber innerlich fokussiert – lächelt dem gleichermaßen gut gelaunten Ronnie Wood erlöst zu. Heute Abend wird alles gutgehen. Jegliche Gedanken an unwürdige Streitigkeiten über Jaggers angebliche Penisgröße in Richards’ Autobiographie schmelzen dahin angesichts der Harmonie ihrer Stimmen in „Wild Horses“ und einer stürmischen Version von „All Down The Line“.

Hymne an den Oralsex

Die Tatsache, dass Jagger – im Gegensatz zu Robert Plant oder Roger Daltrey – immer schon im bequemen Bereich seines Stimmumfangs zu singen pflegte, macht sich im Alter von 69 Jahren bezahlt. Sein geradezu absurd jugendlicher Oberkörper wiegt sich vielsagend in der von Gast-Gitarrist Jeff Beck mit laszivem Gejaule unterlegten Blues-Rock-Hymne an den Oralsex „Going Down“.

Und als das eher matte „Out of Control“ (aus dem Spätwerk „Bridges To Babylon“) zum ersten Durchhänger der Show zu werden droht, unternehmen Jagger, Wood und Richards ihren ersten von vielen Ausflügen über den tief in die Mitte des Saales reichenden Laufsteg in der rundlichen Form der Rolling-Stones-Zunge. Eine knallrote Riesenoberlippe hängt über der Bühne und hebt sich später in Richtung Dach hinfort. Insbesondere Ronnie Wood – schlank wie Jagger und augenscheinlich wieder trocken – scheint seine Bäder in der Menge zu genießen. Seine Soli klingen gewitzt und bluesig wie in seinen Glanzzeiten bei den Faces. Fast schon liebenswert kindlich jubelt er am Ende besonders gelungener Songs, so als hätte er gerade ein Tor geschossen.

Was dagegen passiert, wenn einer den Fehler macht, diese Band zu verlassen, zeigen die für diese Show aus der Rente geholten Ex-Mitglieder Bill Wyman und Mick Taylor. Ersterer begrapscht seinen Bass in „It’s Only Rock’n’Roll“ und „Honky-Tonk Woman“ mit derartig steifem Anti-Charisma, dass sich kaum vorstellen lässt, wie er je dazugehört haben könnte – im Gegensatz übrigens zu seinem umso fabelhafteren Nachfolger Darryl Jones, der in „Miss You“ sogar das tödliche Genre des Funk-Bass-Solos erfolgreich rehabilitiert.

Als Wyman nach seinen zwei Songs mit einem Lächeln und kameradschaftlich in Richtung Keith Richards ausgestreckter Hand wieder die Bühne verlässt, schaut jener ihm nicht einmal mehr nach.

Offensichtliche Spielfreude

Mehr bitter als süß gestaltet sich auch das Wiedersehen mit Mick Taylor, der 1974 unter anderem wegen Richards’ ungesundem Lebenswandel die Band verließ und heute, übergewichtig und schwammig, seinerseits alles andere als fit erscheint. Als Taylor während „Midnight Rambler“ dem athletischen Jagger mit der Grazie eines Kuschelbären solierend hinterher tapst, kann sich Richards ein amüsiertes Grinsen nicht verkneifen. Im Gegensatz dazu bläst der alte Stamm-Saxofonist Bobby Keys, seinerseits kein Meister des gesunden Lebenswandels, in „Miss You“, „Tumblin’ Dice“ und „Brown Sugar“ überzeugend wie in jungen Jahren.

Wobei letzterer Song doch die Frage aufwirft, ob Jagger – bedenklich authentisch in der Rolle des vernarbten alten Sklavenhalters aus dem Text – in seinem Alter tatsächlich noch jungen Mädchen sagen sollte, wie sie zu schmecken haben. Und das ist nicht der einzige inhaltlich problematische Augenblick des Konzerts. Wenn Jagger zu „You Can’t Always Get What You Want“ mit akustischer Gitarre und Ballonmütze in der Pose des desillusionierten Aktivisten die großen Träume der 1960er verabschiedet, dann reibt sich das Sentiment doch einigermaßen mit der Maßlosigkeit der Ticketpreise. Der Song selbst, von Chören auf beiden Seiten der Bühne beflügelt, klingt gleichwohl fantastisch, ebenso wie das Finale, ein von der Freude am ewigen Riff beseeltes „Jumpin’ Jack Flash“.

Dieser Abend hätte ein sattes Abkassieren und eine nostalgische Pflichtübung werden können. Stattdessen hegte man vor lauter offensichtlicher Spielfreude am Ende glatt die Illusion, die Stones hätten genauso gern bei freiem Eintritt gespielt.

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