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Sachsenhausener Fabrik: Zwei Welten, zwei Wege

Gepflegte Langeweile: Der Schriftsteller Ketil Bjørnstad als Pianist in der "Fabrik". Anders als der Schriftsteller Bjørnstad, der mit Angst und Erwartung souverän hantiert, ist der Musiker bieder und vorhersehbar.

Ketil Bjørnstad vor vermutlich norwegischem Hintergrund.
Ketil Bjørnstad vor vermutlich norwegischem Hintergrund.
Foto: H. F. Asbornsen/ecm

Am schönsten ist es, wenn er so gut wie nichts macht, wenn er ganz nah bei seinen schlichten Melodien bleibt, sie harmonisch in Watte hüllt, mit der linken Hand sanft umspielt und jedem einzelnen Ton einen Raum gibt, dass man ihn förmlich atmen hört. In der Reduktion steckt immense Substanz, der Eigensinn des skandinavischen Jazz etwa, der sich sein unverwechselbares Vokabular erschaffen hat, die Idee leuchtender Klarheit, die Liebe zu Robert Schumann und vor allem zu Johann Sebastian Bach.

Ketil Bjørnstad sitzt am kleinen Blüthner-Flügel der Sachsenhausener Fabrik, meist spielt er mit geschlossenen Augen. Seit Jahren bewegt er sich durch zwei Welten, schreibend und spielend: ein Jazzpianist und Schriftsteller. Man kann das hören, auch für sich alleine am Klavier ist Bjørnstad ein Geschichtenerzähler. Einer mit langem Atem, der seine Episoden verzahnt und sie auf einem Ton enden lässt, der zugleich wieder Anfang ist.

Einer, der am besten ohne Groll erzählt, ohne Wut, mit milder Gelassenheit. Ein so erfahrener Mann wie Bjørnstad weiß natürlich, dass all das nicht ohne sein Gegenteil funktioniert, ohne eine Hintergrundfolie aus Drang und Bewegung. Deswegen greift er immer wieder auch voll in die Tasten, mimt den Löwen, türmt kraftvolle Akkorde auf und reiht Noten zu virtuosen Girlanden. Allzu oft mutet das aber seltsam aufgesetzt an, die Floskeln, die er benutzt, wirken verbraucht, und Bjørnstad, der Erzähler, gerät ins Schwadronieren.

So wie zuvor wenig nach viel klingt, gilt hier der Umkehrschluss. Schlimmer noch: Anders als der Schriftsteller Bjørnstad, der mit Angst und Erwartung souverän hantiert, ist der Musiker bieder und vorhersehbar. Man ahnt meist, was passieren wird und langweilt sich gepflegt. Was ihm fehlt, ist etwas wie Radikalität. Das heißt nicht, dass er ruppig das Klavierinnere nach Geräuschen durchforsten oder die Urkraft der Dissonanz entdecken sollte. Es heißt aber, dass er hellhörig sein Material überprüft, ob es noch tragfähig oder längst zum Klischee geronnen ist.

Zu viel an diesem Abend klingt nach einem vor Jahren erprobten, erfolgreichen Strickmuster, das er wieder und wieder abruft. Dass Bjørnstads Spiel zudem oft unpräzise ist, dass er Töne nicht trifft oder die Kontur im Pedal verliert, steht auf einem anderen Blatt. Das ist auch nicht einmal entscheidend. Entscheidender ist die erzkonservative Haltung, die dieser Abend verrät und die, ja, das kann man so sagen: maßlos enttäuscht.

Autor:  TIM GORBAUCH
Datum:  23 | 4 | 2009
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