kalaydo.de Anzeigen

Schreker-Oper in Chemnitz: Ein Imbiss vor der Himmelspforte

Die Oper Chemnitz macht sich mit dem "Schmied von Gent" um das Werk von Franz Schreker verdient. Ein collageartiger Streifzug durchs Gängige der Zeit - handfest und chorlied-derb. Von Joachim Lange

Der Schmied von Gent, heimatlos zwischen Himmel und Hölle.
Der Schmied von Gent, heimatlos zwischen Himmel und Hölle.
Foto: Dieter Wuschanski

Eine große Zauberoper nannte Franz Schreker seinen Dreiakter "Der Schmied von Gent". Die Nazis pöbelten ihn fünf Vorstellungen nach seiner Berliner Uraufführung 1932 aus dem Spielplan und den erfolgreichen jüdischen Komponisten aus Hochschulamt und Akademiewürden. Massivere Verfolgung blieb ihm nur erspart, weil er 1934 in Berlin starb.

Es gehört zu den Nachwirkungen der Verstümmlung der europäischen Kultur durch die Nazis, dass Schrekers Opern heute allenfalls als bemerkenswerte Ergänzung des Repertoires neben dem ungebrochen etablierten Richard Strauss gelten.

Für die Oper in Chemnitz gehört jetzt die für Schrekers Verhältnisse geradezu volkstümliche Geschichte des flämischen Schmiedes Smee, der gegen die spanischen Herren mosert, auf einen Pakt mit dem Teufel eingeht und der Hölle dann ein Schnippchen schlägt, in eine Reihe von Ausgrabungen. wie Mascagnis "Iris", Nicolais "Templario" und Pfitzners "Rose vom Liebesgarten". Die Robert Schumann Philharmonie profitiert unter GMD Frank Beermann von der Wagner- und Strauss-Praxis, mit der sie eines der besten Opernorchester ihrer Liga geworden ist.

Da bleiben auch das effektvollste Auftrumpfen himmlischer Trompetenstöße und das Dräuen der Hölle kultiviert und gezügelt und mit den Stimmen seiner Protagonisten verwoben. Vor allem der unangestrengt präzise durch die Riesenpartie des Titelhelden steuernde Oliver Zwarg und Undine Dreißig in der Rolle seiner Frau lassen kaum Wünsche offen. Das irisierend Strömende des Schreker-Klangs scheint vor allem im symphonischen Furor der instrumentalen Zwischenspiele auf. Sonst geht es in dem collageartigen Streifzug durchs Gängige der Zeit handfest und chorlied-derb zu.

In der Geschichte wird gereimt, was das Zeug hält, und die heilige Familie kommt auf einem Esel durch die Szene geritten. Deren großzügige Bewirtung wird dem Schmied bei der Lebensendabrechnung im Himmel gutgeschrieben. Außerdem erfüllt ihm Josef drei Wünsche, die er dazu nutzt, die drei Sendboten der Hölle, die ihn nach seinen sieben guten Erdenjahren holen wollen, zu bannen und in einen Sack zu stecken, wo er sie so verprügelt, dass sie den Teufelspakt wieder herausrücken. Das Problem der szenischen Umsetzung ist der Bogen, der vom rebellischen Handwerkermilieu im spanisch beherrschten Flamen über das Faustische bis zur operettenhaften Apotheose im Himmel geschlagen wird. In die Hölle darf er nicht mehr, aber für Petrus wiegt der Teufelspakt schwerer als die Chuzpe, mit der er ihm entkommen ist.

Der Handwerker, der vor der verschlossenen Himmelspforte eine Imbissbude eröffnet, das ist bei Schreker potenziell so unterhaltsam wie Orpheus in der Unterwelt. Bei Beermann hört man das auch. Allerdings kann Regisseur Ansgar Weigner damit kaum etwas anfangen. Auch der Platz, den er seinem Schmied als Komponisten-Alter Ego an der Rampe inmitten von Notenblättern zu weist und auf den er ihn am Ende aus der grandios aufrauschenden himmlischen Vereinnahmung wieder entkommen lässt, bleiben ehauptung, die eine allzu bieder nacherzählte Geschichte nur bebildern, aber nicht zu szenischer Souveränität verhelfen (Bühne: Siegfried E. Mayer, Kostüme: Claudia Möbius). Den Mut zum selten gespielten Werk verbindet man in Chemnitz nicht auch mit dem zu einer eigenständigeren Inszenierung. Gerade "Der Schmied von Gent" hätte sie nötig.

Oper Chemnitz: 14., 27. Februar, 13. März. www.theater-chemnitz.de

Autor:  Von Joachim Lange
Datum:  6 | 2 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!

Meistgeklickt
Sieger: Der zehnjährige Marco gewinnt das Finale von DSDS Kids. Moderator Daniel Assmann (l.) und DSDS-Kandidat Thomas Pegram freuen sich.
DSDS Kids: Das Finale 
Das DFB-Bundesgericht mit dem Vorsitzenden Goetz Eilers hat entschieden: Das Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC wird nicht wiederholt.
Kein Wiederholungsspiel zwischen Düsseldorf und Berlin 
 Mely Kiyak
Kolumne zum neuen Umweltminister 

Video