Berlin sei arm, aber sexy. Behauptet der eigene Bürgermeister. Der mag aufgrund seiner Position voreingenommen sein, aber Jake Shears kann ihm trotzdem nur vorbehaltlos zustimmen. Der Sänger und kreative Kopf der Scissor Sisters ist ganz begeistert von der deutschen Hauptstadt, seit ihm ein dreimonatiger Aufenthalt und einige Besuche der dortigen Schwulen-Clubs über eine Schaffenskrise hinweg halfen - und das neue Album so erst ermöglichten.
Das nennt man dann wohl ironisch: Ausgerechnet das armselige Berlin soll dafür verantwortlich sein, dass die späten siebziger und die frühen achtziger Jahre in verschwenderischer Pracht wiederauferstehen. Dabei bedienen sich die Scissor Sisters auf ihrem dritten Album nicht nur, wie man es von ihnen gewohnt ist, bei Disco und Glam Rock, ketten nicht nur noch einmal Freddy Mercury und die Bee Gees mit einer Federboa aneinander, konsultieren nicht nur auf ein Neues die exaltiertesten Mode-Designer und Hair-Stylisten, sondern wagen sich doch tatsächlich vor in bislang von ihnen unbelästigte Bereiche:
In "Any Which Way" zitieren die Schwestern mit einem dreckigen Grusel-Lachen "Thriller" von Michael Jackson, als wollten sie sich bei allerhöchster Instanz gegenversichern, dass so viel Retrospektive schon irgendwie okay ist. Der anschließende Song heißt dann nicht nur "Harder You Get", sondern könnte mit seinem Mitgröhlrefrain auch von AC/DC stammen, man müsste nur das prima primitiv bollernde Gitarren-Riff von allen, quer durch den Song fahrenden Sperenzchen entkleiden.
Wüsste man es nicht besser, könnte man fast vermuten, die Scissor Sisters wollen mit einem Song, der so männlich daherbrettert, doch noch den heimatlichen Markt erobern, der ihnen bislang verschlossen geblieben ist. Erscheint "Night Work" in den USA doch bei einer kleineren, unabhängigen Plattenfirma, nicht bei dem internationalen Unterhaltungskonzern, der sich im Rest der Welt über die üppigen Verkaufszahlen freuen darf. Denn vor allem in Europa sind die Scissor Sisters seit 2004, seit ihrem millionenfach verkauften Debütalbum, eine so große Nummer, dass sie nicht nur von Kylie Minogue um ihre Mitarbeit gebeten wurden.
Auf dieser Seite des großen Teichs sind das dezidiert schwule Image, die mit sexuellen Anspielungen gespickten Texte und das offensive Spiel mit geschlechtlichen Identitäten offensichtlich immer noch wesentlich leichter vermittelbar als im Herkunftsland der Band. Ausdrücklich in dieser Tradition steht auch "Night Work": Shears sieht das Album als Reminiszenz an die frühen, prägenden Jahre der Disco-Kultur, als eine schwule, libertinäre Subkultur langsam in den Mainstream aufstieg.
Als Auswirkung von Disco fanden offen schwule Bands wie Bronski Beat oder Frankie Goes To Hollywood Eingang in den Massengeschmack, und mit ihnen freiere Vorstellungen von Sexualität und ein selbstverständlicherer Umgang mit sexuellen und ethnischen Minderheiten.
Doch dann kam Aids, die Party war vorbei und "die Schwulenbewegung wurde um Jahre zurückgeworfen", so Shears in einem Interview kürzlich. Darauf verweist auch das Cover: Zu sehen ist der Knackarsch des Tänzers Peter Reed, fotografiert von Peter Mapplethorpe, beide gestorben an der Immunschwäche.
Doch mit "Night Work" kann man nun, obwohl es bisweilen dezidiert dunkler wirkt als die ersten beiden Scissor-Sisters-Alben, eine Zeitreise antreten in die Tage der Unschuld. Der Glamour trieft geradezu von der Decke, wo die Disco-Kugel rotiert. Der Schweiß fließt in Strömen und im Darkroom herrscht Hochbetrieb. Die Falsett-Stimme von Shears schlingt sich um die von Co-Sängerin Ana Matronic. Die bunten Lichter tanzen über die Wände, auf der Toilette werden kunstvoll Linien aus weißem Pulver ausgelegt. Alle lieben sich, arm und reich, weiß und schwarz, schwul und hetero. Disco ist wieder da. Danke, Scissor Sisters. Danke, Jake Shears. Und, ja, wenn es sein muss, auch: Danke, Berlin.
Live: 9.7.2010 Berlin, 13.7. Köln, 20.7. München