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05. Dezember 2012

Scott Walker: Verwurmter Anus, magersüchtiger Himmel

 Von Diedrich Diederichsen
Die letzte männliche Diva des Pop: Scott Walker. Foto: beggars

Scott Walker und sein neues, hyperkonsequentes Großwerk „Bish Bosch“.

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Nur gut, dass vor Kurzem die zweisprachige Gesamtausgabe der „Cantos“ von Ezra Pound erschienen ist. Da hat man sich gerade nochmal ein bisschen in literarische Extremtechniken einlesen können: in gewaltige Ideensprünge, kühn verschlungene Gedankenknoten, freie Verfügung über fernliegendes Material, obsessiv herbeigerufene Bildungsgüter, monomanische Konsequenz und schnell gelangweilte Kindlichkeit, exzentrischen Zeilenfall und ganz leere Strophen des Schweigens.

Doch Pound war noch ein Waisenknabe gegen Scott Walker. Die Lektüre des 32-seitigen Texthefts zur neuesten CD des Teenagerschwarms der Sechziger („The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore“, The Walker Brothers) verlangt noch nach ganz anderen Vergleichen mit typografisch zerklüfteter Poesie zwischen Stéphane Mallarme und Mark Danielewski. Dennoch liegen all die Rezensenten falsch, die Walker auf einem seit 1985 eingeschlagenen Irrweg in Prätention und Düsternis wähnen und bei jeder seiner seltenen Rückkehren ins Studio hoffen, er würde endlich die gehobene Lounge-Musik da weiterführen, wo er sie 1969 bei seiner vierten Solo-LP „Scott 4“ liegen ließ.

Faszinierende Folgerichtigkeit

Walker hat im Gegenteil nie mit seinem künstlerischen Selbst-Entwurf gebrochen (auch wenn dagegen zunächst natürlich nichts zu sagen wäre). Stattdessen hat er mit faszinierender Folgerichtigkeit an einer Idee von Song jenseits von Beat und First-Person-Narrative gearbeitet, die aber bei aller äußerer Ähnlichkeit auch nichts zu tun hat mit dem Kunstlied und dessen Nachfolgeerscheinungen in der Neuen Musik. Es ist tatsächlich ein ins Extrem getriebenes Genre der Pop-Musik, mit dem wir es hier zu tun haben. Denn es ist wichtig, dass man Performer und lyrisches Ich für dieselbe Person halten kann (wie nur bei Pop-Musik). Es handelt sich nicht in erster Linie um Kompositionen, sondern um Performances. Schon auf seinen Solo-Alben der späten Sechziger forcierte Walker nämlich nicht die heute nostalgiefähige Kuscheligkeit am Dämmerlicht-Chanson, sondern die Vermeidung durchgängiger Beats, die Liebe zu schroffen Stimmungsschwankungen sowie theatrale Abfuhren an seine gern im Sentimentalen swingende Hörerschaft: Er wollte die immer als Idee und Image mitgeführten Existenzialismen der Nightclub-Ballade in die Form treiben. Und biss sich an bestimmten Tricks und Tics fest: etwa seine Obsession mit stalinistischen Verfallsformen sozialistischer Ideen, der er schon damals frönte. 44 Jahre nach „The Old Man’s Back Again – Dedicated to the Neo-Stalinist Regime“ besingt Walker heute „The Day the ,Conducator‘ Died“.

Was er in den letzten drei Alben „Climate Of Hunter“ (1983), „Tilt“ (1995) und „The Drift“ (2006) herausgearbeitet hat, wird nun auf „Bish Bosch“ erweitert, zugespitzt, perfektioniert: lange stille Momente – im Textheft als „Silence“ eingetragen – , Rock-Gitarren als schrille, aber flächige Unterbrechungen, kurze Passagen mit posthumanen elektronischen Beats ohne jeden Groove als Übergänge und viel Solo-Stimme in leeren, weit wirkenden Räumen, ausgestattet nur durch leise elektronische Weirdness und etwas konkrete Musik, etwa das Geräusch von Klingen unterm Schleifstein.

Gelegentlich vermehren sich die Scotts, sprechen miteinander oder keifen einander an, wenn die zentrale Stimme mal wieder manieristisch abzustürzen droht durch leere Labyrinthe. Dann gibt es inmitten des 21-minütigen „SDSS1416+13B (Zercon, a Flagpole-Sitter)“, benannt nach einer kalten Sonne und diversen anderen Dingen zwischen der Bibel, Buñuel und einer zukünftig unbewohnbaren Erde, ein irre choreographiertes Gebrüll unter den Scotts, das schon für sich genommen mehr klangkünstlerische Finesse bietet als so manche Sound-Installation.
Man spaziert durch einen Parcours der Klang-Attraktionen hier, der so geil, grell, anregend und packend, aber extrem diskontinuierlich gebaut ist und die Geduld erfordert, auf klangliche Antworten zuweilen eine Viertelstunde zu warten, wie er komplett leer und kunstgewerblich wäre, wenn ihn Scott W nicht immer wieder mit seiner verspiegelten Selbstdarstellung und seinem belesenen Soul-Searching bespielen würde.

Ein Zug von Assoziationen

Diese soul ist einsam, nicht so sehr unter den Menschen wie in der Lausigkeit einer historisch und kosmisch nur noch pessimistisch und illusionslos zu beschreibenden Gesamtlage. Links und rechts lauern „ein magersüchtiger Himmel“ oder ein „verwurmter Anus“, während der Zug der Assoziationen durchs antike Thrakien zieht oder sich an die russische Duma wendet. Für manchen Geschmack klingen Zeilen wie „To play fugues/on Jove’s /Spam castanets“, also „Fugen spielen auf Juppiters unerwünschte Massen-E-Mail-Kastagnetten“, nun ja, affig. Aber es wäre borniert, mit heute normativen Coolness-Stilismen einem der wenigen noch lebenden Vertreter eines eigenständigen Groß-Entwurfs von Pop-Musik gegenüber zutreten: vom Range eines Captain Beefheart.

Beefheart hat die prinzipiell optimistische, humanistische und kommunitaristische Tradition des Blues und den seinerzeit aktuellen Blues-Rock der Hippie-Generation durch Konfrontation mit Exzess-Versionen (Freak-Out, Free Jazz) und Gegenentwürfen (Künstlerelite, hochdisziplinierte Sekte) zu einem Extrem getrieben, wo er ständig in sein Gegenteil zu kippen droht (Geniekult, Wahrheitsbesitz), aber eben nicht kippt. Walker hat dasselbe mit dem skeptischen, individualistischen Prinzip der männlichen Diva gemacht, an dem seit David Bowie und Lou Reed so viele geschnuppert haben. Statt aber das Diventum auf lange Sicht still zu stellen, indem man es auf einen gemütlichen periodischen Rollenwechsel beschränkt, hat Walker die künstlerischen Techniken der Selbstinszenierung viel wichtiger genommen als die jeweilige Idee des Selbst, insbesondere die Leidenschaftsdarstellung durch die Stimme als den Moment absolut gesetzter, erfundener, „affiger“ Künstlichkeit und des weitest möglich ausgedehnten Wahrheitsanspruchs.

Deswegen ist Konsequenz bei ihm nicht nur eine langweilige Sekundärtugend, sondern fast die Sache selbst. Ich blas euch weg mit meinem kräftigen, zittrigen, schwebenden Odem.

Scott Walker: Bish Bosch (4AD/Beggars/Indigo)

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