Musik

27. September 2012

Seeed: Neues Album: Aus dem kleinen Kiez in die weite Welt

 Von Markus Schneider
Auf Plattencover, Plakaten und im Videoclip zur Single „Beautiful“ präsentieren sich Seeed als gutgelaunte postapokalyptische Cyperpunkbigband. Foto: Seed/Pressefoto

Nach sieben Jahren erscheint am Freitag ein neues Album von Seeed, die seit 1998 zu einer der auffälligsten und souveränsten Popgruppen in Deutschland wurden. Aufs erste Hören klingt das Album anders erwartet.

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Nach sieben Jahren erscheint am Freitag ein neues Album von Seeed, die seit 1998 zu einer der auffälligsten und souveränsten Popgruppen in Deutschland wurden. Aufs erste Hören klingt das Album anders erwartet.

Berlin –  

Das letzte Seeed-Album ist tatsächlich schon vor sieben Jahren erschienen – im Pop, wo die Jahre eilig wie Hundejahre dahinziehen, eine Ewigkeit. Das wiederum erklärt vielleicht, warum das neue Werk „Seeed“ aufs erste Hören so anders als erwartet klingt. Anders bedeutet hier zunächst so wie in „Beautiful“, der letzten von drei Singles, die das elfköpfige Dancehall-HipHop-Pop-Ensemble aus Berlin dem Album vorausgeschickt hat.

Darin erkennt man zwar – von der prägnanten, später rapverstärkten Stimme Demba Nabes bis zum satt souligen, aber sehr ungefähren Dancehall-Groove – die Zutaten, dank derer Seeed seit 1998 zu einer der auffälligsten und souveränsten Popgruppen in Deutschland wurden. Andererseits hängt eine dichte, ja sämige Popstimmung über dem stattlichen Midtempo-Track, gepolstert von sehr unerwartet geschmeidigen Big-Band-Bläsern, die mehr nach der routinierten High-End-Unterhaltung eines Casinos in Las Vegas als nach einer verschwitzten Kreuzberger Funk-Kaschemme klingen. Die oberflächliche Glätte des Stückes wirkt wie ein Statement, und sie verdeckt bis zum zweiten, dritten Hören die tolle, dichte Dynamik des Songs. Das Überraschendste an „Beautiful“ ist, dass es funktioniert.

Bisher wusste man, dass Seeed, ohne sich allzu sehr an den Genreregeln aufzuhalten, Dancehall, Reggae und HipHop zu einer breitentauglichen, tanzbaren Popmusik verknoten konnten. „Beautiful“ zeigt, dass sie den Trick auch gleichsam umgekehrt beherrschen und die straßennahe Lebendigkeit ihrer Musik in einem weitgehend gesäuberten Popkonzept bewahren können.

Das schicke Video dazu unterstreicht, dass sie sich der Verschiebung der Sphären bewusst sind: Der zur Hälfte Zeichentrick-animierte Film führt die Band durch eine ruinierte, metropolitane Altbaulandschaft mit allerlei retrofuturistischen Flugmaschinen, kanzelartigen Dampforgeln und weitläufigen musealen Räumen voll antikisierender Statuen – Mainstream-Unterhaltung trifft Straßencleverness. Misstrauische Fanmeldungen kommentierte die Band mit einem Hinweis auf künstlerische Freiheit und das Selbstbewusstsein, „das eigene Ding zu machen“.

Seeed sind erwachsen geworden

Seeed sind, so sehen sie das nach eigener Auskunft auch selbst, erwachsen geworden und emanzipieren sich sowohl von den musikalischen wie lokalen Wurzeln ihrer Bandkindheit. Englische Varianten für den internationalen Markt gab es zum Beispiel auch zuvor, ebenso wie Hits, die in deutschen Discos genauso einschlugen wie in den Dancehalls der Karibik. Nur scheint sich in der Bandpause das Selbstverständnis verändert zu haben. Auf die musikalischen Empfindlichkeiten irgendwelcher Reggae-, HipHop- oder Kreuzberger Szenen nehmen Seeed keine Rücksicht mehr und verlassen auch mit der nun meist bevorzugten Verkehrssprache Englisch den engeren Kiez.

Diese Entwicklung zeichnete, wie es aussieht, Pierre Baigorry in seinem Solo als Peter Fox vor. Zwar besang er auf seinem zurecht vielbejubelten Album „Stadtaffe“ explizit und auf Deutsch die Stadt Berlin und sogar das Kottbusser Tor. Aus der lokalen Präzision fand er jedoch mit größter Selbstverständlichkeit und Weltläufigkeit zu einem urbanen Popgroove, der auch fürs Babelsberger Filmorchester nicht zu klein schien und alle regionale Kuschligkeit erledigte. Immerhin hat Baigorry auch schon die 40 überschritten.

Den anderen beiden singenden Hauptdarstellern der Band, Frank Dellé und Demba Nabé, gelang der große Wurf mit ihren Soloprojekten nicht. Dellé beschäftigte sich mit sehr hübschem, aber auch wenig abenteuerlichem Reggae, Nabés Projekt Boundzound fehlte es mit seiner Elektro-Bassmusik ein wenig an Dringlichkeit und ein paar eingängigen Haken.

Baigorry wiederum wurde angeblich der Erfolg von Peter Fox zuviel. Nachdem er 2009 gleich drei Echo-Trophäen, darunter eine für die Produktion seines Albums, gewann und die Verkäufe allein in Deutschland weit über die Millionengrenze schossen, erklärte er die Fox-Phase erstmal für beendet und widmete sich wieder Seeed.

Drei Echo-Trophäen

Dort kommt nun seine neue Produktionssicherheit zum Beispiel dem von ihm rappend geführten „Augenbling“ zugute. Mit seinem Bollywood-Drall, der funky Bass-Schwere, einer beiläufig leiernden Sitarschlaufe, Chorstimmen und vielen interessanten Geräuschen beult der Track sich zum besten Stück des Albums. Ähnlich wie „Beautiful“ sprengt er zwar in seiner muskulösen Clubartigkeit keineswegs Seeeds Repertoire. Aber er sticht wie auch die schwellend streicherbesetzte Ballade „Feel For You“ mit eindrucksvoller Pop-Raffinesse doch aus einem ansonsten etwas umstandsloseren Programm.

Noch immer kann man, wie Baigorry es einmal formulierte, Reggae als kleinsten gemeinsamen Nenner identifizieren. Man erkennt ihn selten so deutlich wie im hallverwehten Roots Reggae „You & I“ oder in der Coverversion des Achtziger-Hits „Wonderful Life“. Man ahnt die jamaikanischen Wurzeln fast durchgehend atmosphärisch und in den Stimmen, aber wie schon auf dem letzten Album „Next“ wird der Reggae häufig von einem weitläufig zappelnden Elektrokonzept überlagert. In „Seeeds Haus“ neigt man sich eher zum HipHop, auf der Single „Molotov“ knattert zu optimistischem Retrosoulbeat ein brutzelndes Punkriff, und auf „Waste My Time“ verbinden Seeed quietschigen Eurotrash und Rock.

In dieser Vielseitigkeit besteht allerdings auch eine gewisse Schwäche des Albums. Seeed vertrauen darin auf ihr seit vielen Jahren bewährtes physisches Charisma, die Kontinuität von Druck, Power und Dynamik. Es ist natürlich schön, dass sie diese Kraft über die lange Pause retten konnten. Interessanterweise klingt dadurch ihr Elektroansatz zwar nicht irrsinnig spannend, aber durchaus noch immer anregend. Man könnte sich freilich auch wünschen, sie hätten ihrer neuen, erwachsenen Popeleganz ein bisschen konsequenter vertraut.

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