Wie will man Schlagbäume entfernen, die gar nicht existieren? Ein Paradox, dem sich das Berliner Festival Shared Sounds jetzt zum zweiten Mal stellte. Es gehe nicht darum, bestehende Grenzen zu überschreiten, sondern einen musikalischen Raum ohne Demarkationslinien zu auszuschreiten, betonte Festivalleiterin Sophie Schricker in einer kurzen Ansprache vor dem ersten Konzert. Dieses Postulat klingt gut, ist aber bei allem hörbaren Enthusiasmus kaum einzulösen. Denn selbst wer die Binnengrenzen seiner musikalischen Wahrnehmung konsequent aufhebt, stößt doch irgendwann an äußere Barrieren, die keine Überschreitung dulden.
Den programmatischen Rahmen des Festivals setzte auch diesmal wieder der Münchner Tonträgerproduzent ECM. Anders als im vergangenen Jahr wurde nicht die gesamte Dramaturgie der Shared Sounds von dem Label dominiert, doch Auftakt und Abschluss bestritten ECM-Künstler, die eindrucksvoll zeigten, was Grenzenlosigkeit innerhalb eines klar umrissenen Systems bedeuten kann. Der norwegische Pianist Jon Balke verführte das Publikum mit einer musikalischen Science Fiction, die ohne jeden Futurismus auskam. Mit der marokkanischen Sängerin Amina Alaoui sowie einem gemischten Ensemble aus barocken Streichern, arabischen und europäischen Perkussionisten, einem algerischen Sologeiger und einem Virtuosen auf der abendländischen, aber trotzdem exotischen Erzlaute suchte er nach den Gemeinsamkeiten von arabischer und andalusischer Musik, barocker Klanganmutung und Jazz.
Ein geradezu vermessener Anspruch, der nach Scheitern auf hohem Niveau klingt. Doch Balke ließ dem Publikum gar keine Chance, über derartige Fragen nachzudenken. Die Performance dieser hochkomplexen Synthese war vom ersten Ton an so charmant und unangestrengt, dass jedes Bedürfnis nach Analyse oder intellektueller Annäherung von einem Tsunami der Sinnlichkeit weggespült wurde. Die Heiterkeit der Darbietung ließ vergessen, dass hier Komposition und Improvisation sowie verschiedenste Zeitebenen ineinander griffen. Der Verzicht auf Trompeter Jon Hassell, der bei der CD-Einspielung dieses Projektes zugegen war, kam der Lebendigkeit der Musik zugute.
Diese Sounds brauchten keine Synchronisation mit der Gegenwart, denn hier wurden tatsächlich kulturelle Antagonismen aufgehoben, die Eindeutigkeit von Regionen und Epochen nivelliert. Die innere Logik war so zwingend, dass man zu glauben versucht war, diese Art von Musik existiere genau in dieser Form bereits seit Jahrhunderten.
Eine ganz andere Annäherung von Orient und Okzident schrieb sich am letzten Abend der tunesische Oud-Spieler Annouar Brahem auf die Fahnen. Mit dem libanesischen Perkussionisten Khaled Yassine, dem deutschen Bassklarinettisten Klaus Gesing und dem schwedisch-schweizerischen Bassisten Björn Meyer suchte er gerade nach neuen Grenzen, die er überwinden konnte. In diesem Ensemble ging es ganz klar um Horizonterweiterung. Die fragilen arabischen Ornamente wurden von Meyers Bass mit einer Ahnung von Funk grundiert. Brahems Musik wirkte dadurch druckvoller als gewohnt, aber gleichzeitig auch märchenhaft entrückt. Gesing umtanzte die Linien des Tunesiers leichtfüßig, brach den Kontext aber zuweilen auch mit Melodien auf, die an alpine Folklore erinnerten.
Jon Balke und Anouar Brahem betonten Aspekte einer globalisierten Musik, die weder auf einen virtuellen Nenner reduziert noch im berüchtigten Global Village verortet werden musste und sich jeder Beliebigkeit entzog. Zwischen diesen beiden Pfeilern fanden der deutsche Pianist Michael Wollny, das französisch-norwegische Ambient-Improv-Quartett Dans Les Arbres, das Berliner Kammerensemble Kaleidoskop, die amerikanische Cello-Rebellin Frances-Marie Uitti sowie die persische Harfenistin Asita Hamidi mit ihrer Band Bazaar unterschiedliche Nahtstellen zwischen vertraut und unerhört, alt und neu, Stil und Freistil.
So überzeugend diese Aufhebung innerer Barrieren auch gelang, drängte sich doch der Eindruck einer klaren Abgrenzung gegenüber allem Alltäglichem auf. Speziell am letzten Tag des Festivals wirkte das Radialsystem V wie eine Trutzburg der Hochkultur gegen die Fête de la Musique, deren Wucht über die Spree zu der umgebauten Maschinenhalle dröhnte. Bei aller proklamierten Unabhängigkeit von merkantilen Erwartungen und Hörgewohnheiten hatte das Experiment Shared Sounds einen Laborcharakter, der die Osmose mit der krassen Wirklichkeit vorerst vermied.
Doch das Festival wächst organisch. Öffnete es sich in diesem Jahr zurückhaltend elektronischen Klängen, darf man in den kommenden Ausgaben gespannt sein, ob und wie Sophie Schricker das Anliegen, ihre Shared Sounds zu einer Shared Music zu verdichten, weiter vorantreiben wird.