In München steuert Staatsopern-Intendant Nikolaus Bachler auf Erfolgskurs, selbst mit einem deutungsresistenten, stimmakrobatischen Belcanto-Reißer wie Gaetano Donizettis "Lucrezia Borgia". Die einzige Möglichkeit, hier nicht im Kostümschinken und/oder Konzert mit Diva zu versacken, ist, genau die Diva, die man für die exemplarisch finstere Giftmischerin braucht, mit passendem Regisseur und einem Ensemble zusammenzubringen.
Mehr als ein Edelstein
Und da kann sich der Nachwuchs noch so sehr mühen: Edita Gruberová ist haargenau diese Primadonna. Vor allem ihre atemberaubenden Piani, die sie noch über jedes wogende Orchester, jeden losdonnernden Chor zu stellen vermag, sind ein Alleinstellungsmerkmal. Wenn Edita Gruberová draufsteht, ist eben Wahnsinns-Koloraturbelcanto drin. Das sind mit der Stimme gestaltete Abgründe, ist Donizetti-Wahnsinn vom Feinsten. Aber Gruberová war nicht der einzige Edelstein im Stimmendiadem.
Es geht in dem kruden Reißer, den Felice Romani aus dem Drama von Victor Hugo destillierte, und zu dem Donizetti 1833 eine den Zeitgeschmack bedienende Musik komponierte, ja nicht nur um das Sündenregister der Giftexpertin aus dem Hause Borgia, die im Streit mit ihrem Gatten nur daran erinnern muss, dass er die Nummer vier ihrer bislang entsorgten Ehemänner ist. In dem temporeichen Zweiakter geht es vor allem darum, wie sie sich bei ihrer einzigen edlen Herzensregung, der Liebe zu ihrem Sohn, heillos in ihrem Netz aus Lügen und Rache verheddert und den Jungen gleich zweimal vergiftet. Sie ist halt eine Frau, die es nicht lassen kann. Doch diesmal verweigert Gennaro die exklusive Rettung und stirbt.
Es ist wunderbar und in jeder Hinsicht höchst Gruberová-kompatibel, wie der 30-jährige Slowake Pavol Breslik als schöner blonder Jüngling hier sein charismatisch betörendes Timbre verströmt. Sein Tod ist die Steilvorlage für den Wahnsinnsabgang der Primadonna, den Donizetti ans Ende gesetzt hat.
Auch sonst waltet in München der gebührende Stimmenluxus: ob nun die Mezzoeloquenz von Alice Coote als Orsini oder die edel-brutale Wucht, mit der Franco Vassallo den Alfonso ausstattet - überall Belcanto im schönsten Wortsinn.
Regisseur Christof Loy war Gruberovás Wunschkandidat. Er rettet das Stück mit einer ästhetisch schmerzfreien, allerdings auch oft erprobten nüchternen Diskursoptik vor dem Kostümschinken, macht daraus sogar einen halbwegs spannenden Thriller. Eine nüchterne Spielfläche mit ein paar Stühlen, für junge Leute in grauen Anzügen, mit Bösewichtern, die mal als Elektriker und dann als Renaissancejugend kostümiert herumlungern und bedrohlich tun. Die Rückwand von Henrik Ahrs Bühne wird vom Schriftzug Lucrezia Borgia beherrscht und ist nach dem Herunterreißen des B eine Verhöhnung der Fürstin.
Für seine zumindest behauptete Gegenwartsrelevanz muss Loy etliche Buhs entgegennehmen, seiner Primadonna aber hat er eine vergleichsweise erstaunliche, auch darstellerische Wandlungsfähigkeit auf den Leib geschneidert. Die begeisterten Ovationen für die Gruberová und Breslik, die Crew und den Chor schlossen Bertrand de Billy und das Bayerische Staatsorchester mit ein.
Bayerische Staatsoper: 28. Februar, 5., 10., 15. März. www.staatsoper.de