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Musik

01. Mai 2014

Staatstheater Karlsruhe Meistersinger: Kinder, schafft Neues – wenn möglich

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Eine echte Komödie quer durch die Inszenierungsgeschichte: Tobias Kratzers großartige und sehr entspannte Version von Richard Wagners „Meistersingern von Nürnberg“ in Karlsruhe.

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Drei Mehrzweckräume, im mittleren wird eine Chorprobe abgehalten. Solide der Chor unter der Leitung eines Mannes mit Streifenpulli, solide das Orchester unter der Leitung von Justin Brown, der es im Vorspiel etwas unverbindlich angehen lässt, nachher aber mit Verve Effekte bis um Lärmigen ansteuern wird. Musikalisch wird das ein eher entkomplizierendes Unterfangen sein, wird die Kondition bei sämtlichen Beteiligten überzeugen.

Weitere Termine

Im Staatstheater Karlsruhe am 7., 11. Mai, 1., 8., 19. (Gala) Juni, 12. Juli.

In ihrer Freizeit kleiden sich die Chormitglieder lässig, aber gepflegt, so fällt der junge Fremde in alten Jeans und kariertem Hemd gleichwohl unangenehm auf, der mit einer der Sopranistinnen schäkert. Das sind Walter von Stolzing und Eva Pogner. Und während man sich noch interessiert darauf einstellt, Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“ am Staatstheater Karlsruhe einmal nicht in der heute obligatorischen Spießerwelt, sondern im originalgetreuen deutschen Mittelstand zu erleben – und sich daran zu erfreuen, wie aufmerksam Ausstatter Rainer Sellmaier dessen Kleidercodes nachgeht –, überrascht die Inszenierung die Zuschauer und Jung-Stolzing im 2. Aufzug mit Fachwerk- und Butzenscheibenhäuschen-Prospekten, die sich von hinten in den zweiten Mehrzweckraum geschlichen haben.

Wieland, Castorf, Neuenfels

Die Nürnberger tragen auf einmal einen perfekten Dürer-Look. Der unveränderte Karohemd-Stolzing staunt nicht schlecht. Ein skurriler Alb, der keinem auffällt außer ihm. Und der das Meistersinger-Nürnberg als das zeigt, was es seit jeher war: Ein possierlicher Karneval, in dem die spröden Azubis von eben jetzt mit Pagenschnittperücken Ringelreihen tanzen. Nicht peinlich, sondern endlich einmal lustig.

Jetzt dreht Nürnbergs Altstadt, die Szenenbeifall bekam, aber zur Seite ab, und Hans Sachs sinnt und singt in einem geschmackvollen Fliedertraum – einer Kopie aus der Wieland-Wagner-Inszenierung von 1956. Jetzt dreht aber auch Neu-Bayreuth ab, und Hans Sachs ist, stoisch wie zuvor, Filialleiter eines Schuhreparatur- und Schlüsseldienstes. Im muffigen Winkel einer Nachkriegsinnenstadt, es könnte überall sein, es könnte vor allem in einer Frank-Castorf-Inszenierung sein, geht es drunter und drüber. Eve (im stigmatisierenden Jogginganzug) und Stolzing treiben es vorehelich im Müllsacklotterbett, Persiflage auf ein Regietheater, das so etwas noch als ernsthafte Idee präsentiert. Damit das auch jedem auffällt, schaut eine Neuenfels-„Lohengrin“-Ratte vorbei. Die Keilerei, die Unterprivilegierte und Altnürnberger Bürger munter vermengt, lässt zahllose Schnapsleichen zurück.

Der 3. Aufzug inszeniert das Wettsingen unaufdringlich als gesellschaftliches Ereignis, auch unter Einbeziehung des doppelnden Mitfilmens als Nonplusultra des Regieeinfalls. Seine berüchtigte antiwelsche Tirade liest Hans Sachs indes aus einem Buch ab, denn so steht es nun einmal geschrieben. Der Krampf, der sich sonst um diesen Moment ballt, löst sich auf diese Weise auf, nicht in Wohlgefallen, sondern in Gelassenheit. Sachs, an sich immer misslich, steht wegen Bühnenumbaus zu diesem Zeitpunkt vor dem Vorhang, der Dutzende „Meistersingen“-Plakate und -Plattenhüllen zeigt. Sachs klebt das Karlsruher Plakat dazu: Bloß noch eine Inszenierung, aber eine, die nicht überspielt, dass sie in einem bereits überfüllten Meistersinger-Kosmos stattfindet.

Ein echter Weitwurf ist dem 34 Jahre alten Regisseur Tobias Kratzer in Karlsruhe gelungen, der Wagners „Meistersinger“ ohne Geschichts- und Pflichtvergessenheit zurückführt zu dem, was sie doch einmal sein sollten: eine komische Oper. Dass er dazu tief in die Klamottenkiste der Inszenierungsgeschichte greift, ist zwar keine neue Idee – Nikolaus Lehnhoff etwa probierte das 2003 in Zürich, inklusive just des Fliedertraum-Bildes –, aber sie besticht in Karlsruhe mit einer ungemein gescheiten, sorgfältigen, gleichwohl nicht kopflastigen Ausführung. Im Gegenteil wird man selten oder nie dermaßen lebendigen Meistersingern begegnet sein. Der Spott ist kein Hohn, sondern eine zuneigungsvolle Auseinandersetzung.

Wagnerianer Beckmesser

Und obwohl die Psychologie im Dreieck Sachs-Eva-Stolzing bisweilen überladen ist – auch dies analog zur „Meistersinger“-Historie –, nimmt sich Kratzer Zeit und Raum für eine plausible Personenführung. Gute Darsteller und Sänger stehen dafür bereit: Renatus Meszar als Sachs, der die Ruhe weg hat, und stimmlich keine Übermacht, aber einen anständig nuancierten Wohlklang mitbringt. Daniel Kirch als optisch und in seiner freundlich skeptischen Neugier Matthias-Brandt-hafter Stolzing mit wunderbar kultiviertem Tenor, der anfängliche Zweifel an seinem Stehvermögen im 3. Aufzug restlos in den Wind schießt. Rachel Nicholls als, zumal in dieser Umgebung, geradezu irritierend hochdramatische Eva. Armin Kolarczyk als wunschlos glücklich machender Beckmesser, als Figur dabei fern von jeder Karikatur, außer man hat Spaß daran, im Chorleiter, ostentativen Wagnerverehrer (ausgerechnet Beckmesser, genialer Einfall) und Ringelpulli-Umhänger den bekanntesten deutschen Wagnerdirigenten der Gegenwart zu entdecken. Wagner persönlich wird ihm erscheinen!

Nach einer pfiffigen Schluss-pointe gab es in der Premiere Jubel für die achtenswerte musikalische Leistung und ein großes Gebuhe für die Regie. Dieses aber passte sich ebenfalls ein in das Nachdenken über die Geschichte einer selten so animiert gesehenen Problemoper.

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