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09. Oktober 2013

Sting-Album "The Last Ship": Aufwachsen in Wallsend

 Von Sylvia Staude
Englishman in New York. Foto: rtr

Stings jüngstes Album „The Last Ship“ blickt zurück auf eine große alte Industrie: ein schön altmodisch wirkender Liedzyklus über eine Stadt, ihre Bewohner und ihre untergegangenen Werften.

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Gerade noch hat Sting seinem Publikum Nostalgie-Zucker gegeben, „Back to Bass“ hieß die Tour mit all seinen Hits, auch Police-Hits, und mit vielstundenlangen Konzerten. Doch in der Tasche hatte er da wohl schon ein neues Album, das erste seit einem Jahrzehnt mit frisch geschriebenen Songs: „The Last Ship“. Damit blickt nun Gordon Sumner alias Sting zurück, geboren vor mehr als 60 Jahren und aufgewachsen in Wallsend, einer Stadt am River Tyne, nahe Newcastle. Einer Stadt mit einst bedeutenden Werften, der Wigham Richardson und der Swan Hunters Werft, denen irgendwann auch der Zusammenschluss nichts mehr nützte. Gewaltige Schiffe liefen hier vom Stapel, die RMS Mauretania etwa, die 22 Jahre lang das „Blaue Band“ trug (für die schnellste Passage nach New York), oder die RMS Carpathia, die der Titanic zu Hilfe eilte.

Erstaunlich schlanker Klang

Doch der Niedergang der Schiffbau-Industrie hatte bereits begonnen, als Sting groß wurde. Kein sehr fröhliches Album ist „The Last Ship“ also, auch wenn es ein herrlich rüdes, süffiges Seemannslied enthält, das im Duett mit dem ebenfalls einheimischen Jimmy Nail gesungene „What Have We Got?“ Aber obwohl am Ende des Booklets wahre Musikerscharen aufgezählt sind, ein Orchester mit elf Violinisten allein, klingt Stings Abgesang auf die Großindustrie seiner Heimatstadt erstaunlich schlank und sparsam.

Balladesk sind die meisten der insgesamt ein Dutzend Lieder. Und Sting nimmt singend verschiedene Rollen ein, ist ein Sohn, der die alten Arbeitsstiefel des Vaters zurückweist („Dead Man’s Boots“), ist ein Teenager, der tanzen lernt, um ein Mädchen zu beeindrucken („The Night The Pugilist Learned How To Dance“), ist ein alter Priester, Father O’Brian, der im Krankenhaus an Schläuchen hängt und doch nur die Anker lösen will („So To Speak“). Er wechselt die Stimme wie ein Schauspieler, gibt manchmal den Märchenonkel, klingt jung, klingt alt, legt zwischendurch einen kräftigen Geordie-Akzent auf. Für seine John-Dowland-CD „Songs From The Labyrinth“ (2006) nahm er nochmal spezielle Gesangsstunden, jetzt scheint er sich auf den Zungenschlag seiner Jugend besonnen zu haben.

Ein „The Last Ship“-Musical soll im nächsten Jahr am Broadway aus diesen Songs und mit Hilfe des Dramatikers Brian Yorkey entstehen; oder vielmehr aus Songs zum Wallsend-Themenkomplex, angeblich hat Sting bisher zwei Dutzend Lieder geschrieben. Der Blick zurück muss ihn unglaublich inspiriert haben. All die Erinnerungen an den sozialen Zusammenhalt, aber auch die Spannungen, die aus Arbeitslosigkeit entstehen. An die Härten des Schiffbaus und der Schifffahrt. Ein geisterhafter Wanderer ist der Erzähler von „August Winds“, er zählt die Boote, wenn sie rausfahren, er zählt sie, wenn sie wieder reinkommen. Er lässt offen, wie viele jeweils fehlen.

Mit zartem keltischem Folk umlegt, manchmal geradezu liebevoll umhäkelt sind viele der Texte, mit Akkordeon und Northumbrian Pipes, mit Mandoline und Zimbeln. Vor allem hat Sting mit der Wilson Family und den Unthank-Schwestern zusammengearbeitet, die in der Folkszene einen guten Namen haben. Aber auch den melancholischen Crooner gibt er, im leicht jazzigen „Practical Arrangement“. Das dann tatsächlich schon wie ein Musical-Song klingt.

Er habe genug Geld verdient, soll Sting einmal gesagt haben, um die Musik zu machen, die ihm am Herzen liegt. Jetzt also ein schön altmodisch wirkender Liedzyklus über eine Stadt, ihre Bewohner und ihre untergegangene Industrie. Die bratzende E-Gitarre, den energischen Rhythmus vieler seiner Hits hat Gordon Sumner aus Wallsend mit seinem elften Studioalbum erst einmal wieder abgelegt. Und warum auch nicht?

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