Ein Orchester sitzt auf der Bühne des Festspielhauses Baden-Baden. Fast könnte man meinen, man habe sich in der Veranstaltung geirrt - dann biegt doch Sting mit seiner Band um die Ecke. Der ehemalige "Police"-Sänger trägt schwarzen Frack mit schwarzer Weste: ein gediegenes Outfit an einem Ort, an dem sonst die Klassikstars auftreten. Schreie und Pfiffe im Publikum - für kurze Zeit kommt Rockkonzert-Atmosphäre auf. Dann setzt sich Sting auf einen Hocker in der Bühnenmitte und lässt die erste der melancholischen Melodien an diesem Abend kreisen: "The Snow It Melts The Soonest". Der traditionelle englische Folk-Song ist wie fast alle anderen Lieder an diesem Abend auf Stings neuer CD "If On A Winter´s Night" zu finden. Live präsentiert er das Programm nur viermal weltweit - das Konzert in Baden-Baden ist sein einziges in Deutschland.
Auf dem CD-Cover stapft Sting mit seinem Hund durch einen verschneiten Wald in der Toskana, wo er seit Jahren auf einem Weingut lebt. Hier traf man sich im Februar 2009 bei Kerzenlicht zu den ersten Proben. Auch der Auftritt in Baden-Baden hat diese Intimität. Mucksmäuschenstill ist es im Saal, wenn sein langjähriger musikalischer Wegbegleiter Dominic Miller an der Gitarre ein Intro spielt oder Sting das Weihnachtslied "Cherry Tree Carol" ganz ohne Begleitung singt. Mehr Unplugged geht nicht.
Sting hat sich verändert - und das nicht nur wegen seines buschigen Seebären-Barts, der ihn zehn Jahre älter erscheinen lässt. Die 58 sieht man ihm trotzdem nicht an. Aber auch die Stimme hat sich verändert. Die Gesangsstunden, die er für sein John-Dowland-Album an der Basler Schola Cantorum genommen hatte, haben ihre Spuren hinterlassen. Er besitzt nicht mehr nur den einen Reibeisenton, sondern er hat gerade in der Tiefe an zusätzlichen Farben gewonnen.
"In ruhigen Gewässern"
Der Abend hat einen ruhigen Puls. Bei "Soul Cake" bringt die spielfreudige Band im Vordergrund zwar etwas Groove auf die Bühne, wenn die beiden Fiddler Kathryn and Peter Tickell das Geschehen vorantreiben und der präsente Background-Chor sowie der vierköpfige Blechbläser-Satz zusätzliche Power beisteuern.
Doch dann ist wieder Kuscheln angesagt. Bei "There Is No Rose Of Such Virtue" begleitet sich Sting selbst auf der Laute, "Christmas At Sea" bleibt trotz dreier Percussionisten in ruhigen Gewässern. Selbst Franz Schuberts Lied "Leiermann" aus der "Winterreise", das als "Hurdy Gurdy Man" übersetzt wird, kann in Stings schlichter wie rauer Interpretation (mit Julian Sutton am Knopfakkordeon) überzeugen, Henry Purcells "Cold Song" und sein mit einer fallenden chromatischen Linie beginnendes Lied "Now Winter Comes Slowly" (mit Special Guest Daniel Hope an der Violine) berühren.
Aber irgendwann fragt man sich dennoch: Sting, wo ist Dein Stachel? Besonders, wenn das absolut entbehrliche Streichorchester (Dirigent: Robert Sadin) die wenigen Kanten glättet, die das aus ganz einfachen Liedern bestehende Programm noch bietet, dann sehnt man sich doch nach ein bisschen weniger Weichspüler.
Stings wenige eigene Songs dagegen sind Glanzlichter. "Hounds of Winter", das er bereits 1996 auf dem "Mercury Falling"-Album veröffentlicht hat, wird mit scharfen Dudelsackklängen gewürzt und viel länger und freier gespielt als auf der Winter-CD, bei "Lullaby For An Anxious Child" ist Gänsehaut garantiert.
Und so geht man erfüllt von diesen Winterklängen in die kalte Baden-Badener Nachtluft und muss doch einer unbekannten Kurstädterin Recht geben, die im Treppenhaus zu ihrer Begleitung sagt: "Ein bissle mehr Pepp hätt´s schon haben können."