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Stuttgarter Oper: Erotische Erkältungen

Je ein Einakter von Bartók, Heiner Müller und Schönberg, mit klärendem Zugriff inszeniert.

Es sind große Fußstapfen, in die Stuttgarts Opernintendant Albrecht Puhlmann als Nachfolger Klaus Zeheleins trat, und von allzu viel Fortune war er bisher nicht begleitet. Jetzt aber gab es einen deutlichen Achtungserfolg mit interessanter Stückekombination: den beiden Kurzopern "Herzog Blaubarts Burg" von Béla Bartók und "Erwartung" von Arnold Schönberg sowie, mittendrin eingeschlossen wie die Fliege im Bernstein, Heiner Müllers Sprechstück "Quartett". Die Premiere kam erst mit einmonatiger Verspätung zustande, weil die Hauptsängerin erkrankt und zwei große Rollen neu einzustudieren waren.

Die Werk-Montage demonstrierte erotischen Temperaturabfall im 20. Jahrhundert. Bei Bartók (und seinem Textdichter Béla Balázs) regiert noch eine symbolistische Gravität, die der klassischen Fatalität einer Zweiersituation gewissermaßen die Würde verfinsterter Mehrdeutigkeit einräumt (mit dem musikalischen Vierton-Eingangsmotiv wird der Beginn des impressionistischen chef d'oeuvres "Pelléas et Melisande" von Debussy zitiert). Begierde und Frustration, Sex und Tod werden unumwunden angesprochen in der nächtlichen Hysterie der "Erwartung" für eine allein singende Frau. Am erotischen Kältepol angelangt sind Müllers Dialoge, die Fragmente des berühmten vorrevolutionären Briefromans "Liaisons Dangereuses" von Choderlos de Laclos zu einer trostlosen seriellen Etüde verbaler Zynismen zusammenbacken, einer beklemmenden Parade falscher intellektueller Unberührbarkeiten und vorgetäuschter expressiver Unverletztheit. Kalt und heiß: Gerade Müller lässt sich, mit seinen biografischen Hintergründen, auch als verhinderter weißglühender Erotiker lesen.

Der Regisseur Thomas Bischoff und seine Dramaturgen (Angela Beuerle, der Intendant selbst) gingen mit enormem spekulativen Aufwand daran, die Stücke bis in ihre letzten Winkel psychologisierend auszuleuchten. Von Nachteil, dass dabei Offenheiten allzu sehr durch Interpretation "schlüssig" gemacht wurden. Namentlich beim "Blaubart" (wohl aus Gründen linguistischer Vereinheitlichung deutsch gesungen) kamen so allerlei klischeehafte Paar-Konstellationen wieder aufs Tapet, auch überflüssig illustrierende Momente bei der Bebilderung der von Judit geöffneten Seelen-Zimmer. Turmartiger Bühnen-Rundbau und Türen als Zentralmetaphern für die drei Stücke (mit dem Konträrelement eines Fotofrieses partymäßig aufgekratzter schöner Menschen) schienen die Hintergründigkeit der Eros-Facetten um eine Nuance zu flach anzutönen (Bühnenbild: Uta Kala).

Von Vorteil war der Unklares etwas gewaltsam klärende Zugriff für die Verklammerung der pausenlos ineinander übergehenden Stücke, an deren Ende jeweils (Tötungswünsche zu theatralischer Realität verdichtend) die Ermordung eines Mannes durch eine Frau stand. Das ergab eine sinnige Thesen-Triplizität. Bei Müller und Schönberg lag praktisch und stumm-unfreundlich ein Männerkörper dazu auf der Bühne bereit, auch zum vorherigen Knuffen und Ansingen.

Den Blaubart sang Tito You mit konzentrierter Bariton-Diktion. Die ursprünglich einer einzigen Sängerin zugedachten Rollen der Judit und der Schönberg-Protagonistin waren nun umständehalber wieder aufgeteilt: Andrea Meláth und Elena Nebera intonierten mit gleichwertiger dramatischer Intensität. Die beiden Schauspielerinnen von Thomas Bischoffs "Quartett"-Bearbeitung (Anke Hartwig, Catherine Janke) führten vor allem einen beträchtlichen Altersunterschied als vergiftetes Movens ihrer verbalen Exkursion vor. Mit ansehnlich elektrifiziertem Geraffel stellte FM Einheit, intellektualisierte Pop-Ikone und nachgerade zum Stuttgarter Bohème-Establishment gehörig, zart wummernde bis krasse Bohrgeräusche verursachende Müller-Begleitklänge her. Unter Leitung des Dirigenten Marc Piollet wölbte sich die Bartók-Partitur orchestral zu fast veristischer Deftigkeit, und in der "Erwartung" ging kein raffiniertes instrumentationskoloristisches Detail verloren.

Staatstheater Stuttgart: 28. Februar, 3., 10., 15. März.

Autor:  HANS-KLAUS JUNGHEINRICH
Datum:  24 | 2 | 2009
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