Große Dinge erzählt man sich von Pavol Breslik, dem 30-jährigen Tenor aus der Slowakei. Er sei ein begnadeter Mozart-Sänger, ein lyrischer Tenor der Extraklasse. Ja er habe ganz allein einen verkorksten "Don Giovanni" an der Bayerischen Staatsoper gerettet, und das mit der Partie des randfigürlichen Don Ottavio. Das will schon etwas heißen.
Mozart sei gesund, er ersetze den Arzt-Besuch und koste nicht einmal Praxisgebühr, hat der sympathische Tenor in einem Interview gesagt. Ein zweiter Stimmtherapeut, den kluge Sänger neben Mozart konsultieren, ist das Lied - und mit dem stellte sich Pavol Breslik jetzt in der hochkarätig besetzten Liederabend-Reihe der Oper Frankfurt vor. Am Klavier: Malcolm Martineau, souverän wie immer, einer der im wahrsten Wortsinn "führenden" Klavierbegleiter von heute.
Pavol Breslik allerdings machte zwei fundamentale Fehler: Er sang, obwohl er als noch nicht allzu erfahrener Liedsänger wenig damit anzufangen weiß, ausgerechnet den so gestalterisch anspruchsvollen Liedzyklus "Dichterliebe" von Robert Schumann; und er stellte diesen Zyklus an den Beginn seines Programms, gewichtete ihn also leichter als die folgenden Strauss und Dvorák.
Vor der "Dichterliebe" stand Breslik herzlich ratlos. Er sang sie im pauschalen heiligen Ernst, das stete Augenzwinkern des Textdichters Heinrich Heine jederzeit ignorierend. Ein "Dazwischen schluchzen und stöhnen die lieblichen Engelein" gab er mit bestürzter Miene, eine Metaebene hat Pavol Breslik in den Heine-Liedern noch nicht entdeckt. Und dass er nicht wirklich analytisch an Wort und Sinn gearbeitet hat, zeigten die zahlreichen kleinen Textfehler, nicht nur, aber besonders gehäuft in "Ich hab´ im Traum geweinet".
Sie zu identifizieren war ein Leichtes, denn der junge Sänger verfügt über eine extrem ausgeprägte Artikulationsfähigkeit, seine Textverständlichkeit kam der eines Rezitators gleich - und damit kann man nun zu den Vorzügen des Tenors kommen, der von 2003 bis 2006 Ensemblemitglied an der Berliner Staatsoper war. Die "Dichterliebe" sei als Fehlgriff abgehakt, mit den folgenden Liedern vermochte Pavol Breslik seine Qualitäten vehement auszusingen. In den "Zigeunermelodien" von Antonin Dvorák kam sein leicht metallisch raues, sehr ansprechendes Timbre voll zum Tragen; und in den sechs Strauss-Liedern - vor allem in "Ständchen" und "Zueignung" - stand plötzlich ein emphatischer, sich verströmender, kraftvoller Tenor auf dem Podium, auch hier nicht immer ganz textsicher, aber stilistisch hörbar in seinem Element.