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The Whitest Boy Alive: House steht vor der Tür...

Die eleganteste Band, die den Nullerjahre-Hype des Discopunks mit Vorboten der Neo-Neunziger verbindet, heißt The Whitest Boy Alive und ihr zweites Album "Rules". Von Tobi Müller( mit Video)

Diese Jungs sind nicht nur weißer als alle anderen. Sie sind auch krisp und liegen voll im Trend.
Diese Jungs sind nicht nur weißer als alle anderen. Sie sind auch krisp und liegen voll im Trend.
Foto: Lars Borges/ballhyoo media

Vor rund zehn Jahren zeichnete sich in der Pop- und Partymusik das bis heute beliebte Eighties-Revival ab. Folgerichtig müsste man ungefähr jetzt die Neunziger als das nächste große Ding ausrufen. Allein, waren die Neunziger je groß? Die Achtziger gelten als das letzte Jahrzehnt der Supergruppen, genauer: das letzte Jahrzehnt, als Supergruppen noch jung waren (die heutigen Coldplay zählen nicht, denn die spielen die U2 von früher nach).

Heute füllen die alten Supergruppen dank besagtem Eighties-Revival noch immer Stadien und Spalten. Doch was soll von den Neunzigern schon neu aufgetischt werden? Was bleibt vom Jahrzehnt, das an seinem Anfang das Ende der Geschichte ausgerufen hatte? Nun, was wiederkehrt, ist der Sound der Wiederkehr selbst. Der Sound aus dem Sampler und aus der Maschine. House und Techno.

Kuschelgefühl für Kreative

Keine Angst, genau wie Anfang der Neunzigerjahre wird der zweite Waschgang kaum klingen. Die eleganteste Band, die den Nullerjahre-Hype des Discopunks mit den Vorboten der Neo-Neunziger verbindet, heißt The Whitest Boy Alive, ihr zweites Album "Rules" und der Sänger Erlend Øye. Man gilt als Berliner Band, doch der Norweger und Doofe-Aber-Coole-Brillenträger Øye hat die Hauptstadt wieder für das heimatliche Bergen verlassen.

The Whitest Boy Alive - Courage Track auf dem neuen Album "Rules"

Es ist eine Musik, die einem die Angst vor der Wiederkehr des Gleichen nimmt, weil sie gerade genug variiert. Das ist schön. Weniger schön: Manchmal klingt The Whitest Boy Alive auch wie eine Therapie gegen zu viel Gegenwart. Unglaublich locker, transparent und kross, tolerant und zart, dabei eher heterosexuell und - man darf den Bandnamen auch ernst nehmen - tatsächlich sehr weiß. So klingt die Eisdiele mit Erdbeer-Basilikum-Aroma im ehemals preiswerten Szenestadtteil, so klingt die Erinnerung an das Kassengestell, als man es noch nicht aus modischen Gründen auf der Nase trug.

Das lässig servierte Kuschelgefühl für die Kreativschicht ist nicht von der Hand zu weisen. Mit diesem Ansatz verlängert man allerdings auch bloß die Tradition bürgerlichen Selbsthasses. Es stimmt schon, wer diese Musik hört, sieht vermutlich ähnlich aus und geht in ähnliche Kneipen. Aber dem Genre des Death Metal wirft auch niemand eine Tendenz zu schwarzen Textilien vor. Und: Der akustische, ohne Maschinen-Loops fabrizierte und melodiöse House von The Whitest Boy Alive kann am Ende eh mehr, als ein soziales Gefühl musikalisch zu möblieren. Gemessen am strengen Genre herrscht eine große Autonomie der Instrumente und ihrer Stimmführungen. Als da sind: Stimme, Gitarre, Bass, Schlagzeug, der leicht metallene, aber doch warm scheppernde E-Piano-Klang des Fender Rhodes' und einige alte Keyboards.

Jedes Instrument geht eigene Wege, die sich zwar am Beat ausrichten, aber nicht allzu zwanghaft von ihm kanalisieren lassen. Und jede Stimme "spricht" mit Bedacht - nichts ist dicht. Aber alles tight, wie man Englisch sagt, wenn das Timing stimmt. Für einen heutigen Tonträger, der laut Eigenwerbung ohne zusätzliche Aufnahmespuren auskommt und dessen Tracks jeweils in einem Stück eingespielt wurden, ist das eine Leistung, die, wenn man sie nicht generell honorieren will, so zumindest viel Vorfreude auf die Konzerte macht.

Pornografie für Enthaltsame

Wir müssen nun kurz in den breiten Mainstream tauchen, um zu zeigen, warum das House-Update von The Whitest Boy Alive mehr schafft, als eine Runde im Hamsterrad der Popgeschichte zu drehen. Nehmen wir den verchromten House des R&B-Stars Rihanna. Zum Beispiel die Single "Please Don't Stop The Music" von ihrem dank ständiger Neu-Editionen seit zwei Jahren in Umlauf gehaltenem Album "Good Girl Gone Bad". Das Chor-Sample bedient sich bei Michael Jacksons Hit "Wanna Be Startin' Something" von 1983, der wiederum Manu Dibangos "Soul Makossa" von 1973 zitiert hatte. Doch Rihannas Beat verspricht tiefen Neunzigerjahre-House. Das ist die Entsprechung zu einer Korrektur im Photoshop - porenfrei, vielleicht verführerisch, letztlich pornografisch. Auch wenn Rihanna aus Barbados gern mit einem Schuss Karibik vermarktet wird und man nicht müde wird, ihr eine Nähe zur rauen Dancehall nachzusagen, die Matrix dieser Figur entspricht dem Hochglanz-House von Telefonsexnummern oder Ibiza-Clips.

Das Prinzip solcher Welten ist stets dasselbe: möglichst viel Geld ausgeben für etwas, was man nie kriegen wird. Eine Frau, eine Party auf einer Insel, deren Glamour auf Ausschluss basiert. Soviel also zur bösen Seite des House-Revivals, entschuldbar nur mit fehlendem Alter oder unfreiwilliger sexueller Enthaltsamkeit. Zugegeben, das sind immerhin stabile Märkte.

Womit natürlich noch nicht gesagt wäre, dass man für The Whitest Boy Alive sowohl ein Studium wie auch einen glücklichen Triebhaushalt vorweisen müsste. House heißt selten Komplexität. Aber immer Eleganz, gern auch in Übergröße. Das Moment des Larger than Life im Drama der Disco, das interessiert diese Band allerdings weniger. Man müsste eher von House-Realismus sprechen, das Leben findet hier durchschnittlich, dafür erkennbar statt. Denn die Eleganz und die Smartness liegen nicht in Øyes Wohlfühlstimme und seinen Beziehungstexten, sie schlummern ganz in der Musik.

Am deutlichsten hört man den House vor der Tür nicht in Øyes krisper Telecaster-Gitarre, nicht mal im wunderbar melodiösen Bass von Marcin Oz oder im leichten Schlagzeug von Sebastian Maschat, sondern an den vielen Erweiterungen, die Daniel Nentwig an den Tasten ins Klangbild zeichnet. Nentwig kann mit seinen Geräten die Höhen verändern, den Sound modulieren, Texturen anspielen - kurz: Dynamik in der Breite erzeugen. Ohne ihn wäre The Whitest Boy Alive eine sehr sympathische Indieband. Mit ihm werden sie zu den heimlichen Anti-Heroen der neuen Neunziger.

The Whitest Boy Alive: "Rules" (Bubbles/Rough Trade).

Autor:  TOBI MÜLLER
Datum:  5 | 3 | 2009
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