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Theater der Welt: In der Geschichte herumwandern

Er ist Bergmannssohn, und er hat wenig gute Erinnerungen an seine Kindheit: Das Theater der Welt bietet eine Begegnung mit John Cale auf der Essener Zeche Zollverein. Von Marion Ammicht

Erinnerung an   Dunkle Tage: John Cale.
Erinnerung an "Dunkle Tage": John Cale.
Foto: British Council

Kohle sei ihm nie wichtig gewesen, sagt Bergmannssohn John Cale. Er sitzt in einer dunklen Seitenhalle der Essener Zeche Zollverein. Draußen schmort die Hitze. Drinnen versucht sich der 68-jährige Artrocker, der einst mit der Band Velvet Underground Popgeschichte schrieb, an die "Dunklen Tage" seiner Kindheit in dem kleinen walisischen Bergarbeiterdorf Garnant zu erinnern. Weg wollte er da, seit er habe denken können. Und, oh ja, eine ganze Menge Leute hätten ihn von dort vertrieben. Vor allem die Großmutter: "Die hat ihren Job richtig gut gemacht".

"Send me away", heißt einer der wenigen Songs von John Cales Installation "Dunkle Tage", für die er im Auftrag der Biennale von Venedig 2009 noch einmal zurück ins Wales seiner Kindertage gereist ist. Jetzt hat er sie im Rahmen des Festivals "Theater der Welt" für die stillgelegte Kokerei der Essener Zeche Zollverein neu bearbeitet. "Send me away", singt die melancholische schräge Stimme des alten Mannes im Off, während ein E-Pinao eine fast kindlich naive Melodie preisgibt.

Cale, blondierte Haare und rot eingefärbtes Grungebärtchen, und seine beiden Musiker sitzen versteckt hinter einem Vorhang im anderen Teil der riesigen dunklen Halle und speisen den Sound in die Kopfhörer der Besucher. Es dauert, bis klar wird, dass man in dieser Geschichte herumlaufen kann, die da in dem gespenstischen Soundtrack und den überdimensionalen Projektionen auf fünf im Carree aufgestellten Leinwänden erzählt wird. Schon als Schüler habe er jede Möglichkeit zur Flucht aus der Bergarbeitersiedlung genutzt, bekennt der Musiker backstage. Weil kein anderes Instrument zur Verfügung stand, hat er sich für die Bratsche entschieden und jeden Sommer im Walisischen Jugendorchester gespielt.

Der melancholische Grundton war gefunden, der auf so anrührend bizarre Weise später auch den typischen Velvet-Underground-Sound prägte und sich im Soundtrack der "Dunklen Tage" als elektronisch bearbeitetes Sample einer walisischen Schülerklasse im gespenstisch rumorenden Kontrapunkt verbirgt.

Das Haus der Eltern ist leer. Die Türen stehen offen. Details der zerklüfteten Schieferlandschaft des Denorwic-Steinbruchs mischen sich auf den großen Leinwänden in der Essener Halle mit steil abfallenden Wandschrägen und Treppenschluchten. Tagelang hat Cale die Geräusche des leer geräumten knarzenden Elternhauses aufgenommen. Es blubbert und gluckst, in der Ferne rauscht eine Schnellstraße. Ein stillgelegter Wasseranschluss, groß im Bild, tropft. Und eine synthetische Stimme flüstert: "Zuhause, eigener Rhythmus - Plauderei am Kamin - die Stille, die der Teekessel zerreißt.... - der Vater läuft langsam zwischen den Beeten,.... - all dies vergangen, verloren - findet sich in der Geschichte nicht wieder."

Heute lebt John Cale im sonnigen Kalifornien, "das so seine ganz eigene Dunkelheit hat". Die "Dunklen Tage" jedoch, da die walisische Großmutter die Sprache des Vaters, eines ungebildeten englischen Kohlearbeiters, verbot und dem Enkel die Schuld am Tod der geliebten Mutter anlastete, sind Vergangenheit. Das Bergbaugebiet ist längst zum Naturschutz erklärt. Das Wasser, das aus allen Ritzen und Schluchten drang, durch den unzementierten Boden des Elternhauses sickerte und den Jungen krank machte, wird mittlerweile zur alternativen Energiegewinnung genutzt.

Kohle sei ihm nie wichtig gewesen, sagt der Altstar der amerikanischen Pop-Avantgarde. Auch nicht im übertragenen Sinn. Er lacht, als er von des Wortes doppelter Beduetung im Deutschen erfährt. Ein Stipendium hat ihm das Musikstudium am legendären Goldsmith-Institut in London ermöglicht. Und als er nicht mehr die Sinfonien eines Carl Nielsen studieren, sondern an den experimentellen Happenings eines La Monte Young teilnehmen wollte, ermöglichte ein Tanglewood-Stipendium den Aufbruch in die Neue Welt.

Dass sich der Lehrmeister, den Cale einmal den "besten Dealer der Avantgarde" nannte, schließlich der gemeinsamen Rechte-Verwertung verweigerte, schmerzt Cale bis heute. Immer wieder kommt er darauf zurück. Nicht wegen des Geldes. Kohle habe er später bis weit in die 80er Jahre schließlich später noch genug gescheffelt. Doch die verweigerte künstlerische Anerkennung von damals macht ihm bis heute mindestens so zu schaffen wie die herrische Großmutter aus Wales.

Unerbittlich nimmt die Kamera den schwitzenden Musiker mit Wollmütze ins Visier, als er Jahre später die zerklüfteten Hänge seiner Jugend erklimmt. Die Nähe ist unerträglich, doch die Leinwand mit der Großaufnahme zieht alle Blicke auf sich, überlagert die irisierend schön schrägen Perspektiven auf die leeren, abgewohnten Innenräume jenes "Hauses, das die Träume meines Vaters stahl", wie es im vielleicht schönsten Song des Abends heißt. Stählerne Industrialsound-Zitate organisieren den Beat, verzerrte Glamrock-Anklänge lassen verführerisch schillern, wovon der Künstler selbst sagt, "dass das doch eine verdammt einsame Geschichte geworden ist".

Am Ende, groß in die Halle der ehemaligen Zeche projiziert, steht die gequälte Kreatur, Opfer einer repressiven, stummen Malocher-Gesellschaft, in panischer Todesangst: Mit nacktem Körper auf ein Brett gefesselt, wird der alte Mann immer wieder untergetaucht. "Die innere Zerissenheit bleibt, lebenslänglich", gesteht Cale. Aber "die dunklen Tage" werden so nicht wiederkommen, sagt er betont nachdrücklich, bevor er ins Taxi steigt. Finster senkt sich die Dämmerung auf das Gelände der ehemaligen Zeche Zollverein. Und die Rücklichter das Wagens verschwinden in der Ferne im Dunkel der Nacht.

Autor:  Marion Ammicht
Datum:  12 | 7 | 2010
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