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Tortoise in Frankfurt: Die Muskelmänner

Elf Jahre nach ihrem dritten Album "TNT" treten die Post-Rocker von Tortoise in Frankfurt auf: Sie sind gut in Form, aber gleichzeitig ziemlich in die Jahre gekommen. Musikalisch gehen Sie auf Nummer sicher.

Die Wahrheit liegt nicht mehr an den Rändern, sondern in den Muskeln.
Die Wahrheit liegt nicht mehr an den Rändern, sondern in den Muskeln.
Foto: Alex Kraus/FR

Die Hörprobe am Morgen nach dem Konzert, "TNT" vom gleichnamigen Album: Ein nervös raschelndes Schlagzeug, auf der Suche. Die Strukturen sind vage, wie im Entstehen. Die elektrische Gitarre verspricht Ordnung, ein klares Motiv, das kurz auftaucht und sofort in den Prozess von Veränderung, Spiegelung und Umdeutung einbezogen wird.

Dann das Wachstum. Organisch. Wie ein Baum wächst Musik hier Jahresring um Jahresring. Breitet sich aus, verästelt sich, verliert sich manchmal auch und gewinnt dennoch eine Kraft, die für Jahrhunderte reicht, ohne ihre ganz spezifische, eigensinnige Eleganz zu verlieren.

"TNT ist das dritte Album von Tortoise, zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung 1998 war die Band aus Chicago schon längst eine Institution. Wenige Jahre zuvor haben sie, wie uns die Popgeschichtsschreiber versichern, den Post-Rock erfunden und damit einem in die Krise geratenen Genre nicht nur Zukunft, sondern auch Glaubwürdigkeit zurückgegeben.

Auf solche Etikettierungen aber reagierte die Band mit den üblichen Fluchtbewegungen: "Wenn mich jemand fragt, was Tortoise denn so machen, und ich sage ,Musik", wusste Douglas McComb, eines der Gründungsmitglieder, schon damals, "dann glauben die Leute oft, ich würde sie verarschen."

Tortoise in Frankfurt

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Musik ist ein schönes Wort, weil es so offen ist und alles vereint. Tatsächlich haben Tortoise ihren Blick in ihren besten Momenten nie verengt, sondern sich allem gestellt, was die Geschichte hinterlassen hat: Krautrock, Dub, Minimal, Elektronik, Jazz. Und anders als viele andere sogenannte Crossover-oder Fusion-Projekte wussten McComb, John McEntire, John Herndon, Dan Bitney und Jeff Parker, dass die Wahrheit nicht in der Schnittmenge liegt, sondern an den Rändern. Nur so kann man Zukunft schaffen.

Die Revolution aber ist lange her. Man sieht das in den Gesichtern, die in den Mousonturm kommen, um Tortoise 13 Jahre nach "Millions now living will never die" und elf Jahre nach "TNT" zu hören. Mit Mitte 30 zählt man zu den Jüngeren hier. Sie müssen sehen, wie eine Band gut in Form und doch ziemlich in die Jahre gekommen ist. Wie sich ein Quintett an ihren Schlagzeugen, Gitarren, Sequenzern und Keyboards verausgabt, wie die einzelnen Musiker zwischen den Instrumenten wechseln, wie sie es krachen lassen, Größe herstellen und dabei um ein Zentrum kreisen, das es nicht mehr gibt.

Es heißt, Tortoise hätten sich in den vergangenen Jahren konsequent in Richtung Jazz entwickelt. Die Gegenthese ergibt mehr Sinn: Tortoise waren vom Jazz nie weiter entfernt. Zumindest wenn man Jazz als etwas begreift, das sich nach Freiheit sehnt und sich dafür immer wieder riskiert.

Tortoise aber gehen auf Nummer sicher. Ihre Musik sucht nicht mehr, sie ist sich ihrer selbst gewiss und lässt die Muskeln spielen. Der Jazz ist nur noch Zitat, ein diffuser, aufgemotzter Fusionsound, der oft ungeheuer kalkuliert und auch deshalb so alt wirkt. Fünf Mucker, die der Welt zeigen, was sie so drauf haben.

Selbst das ältere Material hat seinen Stachel verloren. Es bebildert die Videoinstallationen, die in Splitscreens vor allem Industriearchitektur ins Bild setzen und eine Vorliebe für fallende Symmetrien haben. Dabei spielt auch keine Rolle, wie virtuos die Band agiert, wie euphorisch die perkussive Energie ist, die sie entfaltet, wie lustvoll die Noise-Attacken sind.

Dass es sich bei McEntire und den anderen um Ausnahmemusiker handelt, weiß jeder. Wichtiger ist, was sie mit ihrem Wissen und ihrem Talent machen. Ob sie sich dem Ungewissen stellen und eine neue Welt bauen. Oder ob sie sich in ihrer Nische hübsch einrichten und mit dem zufrieden sind, was schon ist.

Autor:  Tim Gorbauch
Datum:  25 | 8 | 2009
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