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Musik

20. November 2012

Toten Hosen auf "Der Krach der Republik"-Tour: "Hosen" in Frankfurt: Mit Tickets wie diesen

 Von Georg Leppert
Campino von den Toten Hosen beim Tourauftakt in Leipzig.  Foto: dapd

Die Toten Hosen bieten in der ausverkauften Frankfurter Festhalle eine gelungene Show - auch deswegen, weil die Leute das neue Album hören wollen. Sogar die Rettungssanitäter singen mit. Manche sogar dann, als die Hosen ein Lied von den Ärzten anstimmen.

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Die ersten Verzweifelten stehen schon an der U-Bahn. Kaum hat die U4 an der Station Festhalle wieder einmal einige hundert Konzertbesucher ausgespuckt, halten sie ihre Pappschilder hoch: „Suche Tickets“. Diese Botschaft ist am Sonntagabend rund um die Halle dutzendfach zu lesen. Nur die wenigsten werden Erfolg haben.
Die Toten Hosen sind in der Stadt, und der Ticketmarkt liegt mit einem Mal darnieder. Nur wenige Stunden dauerte es, bis das Konzert ausverkauft war, danach wurde nach turbokapitalistischen Regeln gehandelt. Wer bereit war, bei Ebay, das Vier-, Fünf- oder Sechsfache des Originalpreises zu bezahlen, bekam eine Karte. Wer nicht so viel Geld hat, wartet mit Pappschild in der Hand auf die nächste U-Bahn und wird von Minute zu Minute trauriger. Vor dem Eingang zur Halle steht eine Bierbude. Der Betreiber hat die neue CD der Hosen aufgelegt. „An Tagen wie diesen“ schallt über den Platz. Diejenigen mit Karte singen mit. Diejenigen ohne Ticket finden's geschmacklos.

Bier, Krach, Schweiß

Als Sänger Campino an diesem Abend „An Tagen wie diesen“ anstimmt, ist es kurz vor 22 Uhr, und jeder singt mit. Auch die Rettungssanitäter vom Arbeiter-Samariter-Bund. „An Tagen wie diesen“ ist eines dieser Stücke, das man mitgrölen muss, das keinen großartigen politischen, intellektuellen oder gesellschaftskritischen Hintergrund hat, sondern sich zu Anlässen wie Geburtstag, Heirat, Aufstieg der Fußballmannschaft etc. eignet. Vermutlich deshalb sah Campino in dem Lied selbst nicht die große Nummer. „An Tagen wie diesen“ hätte es fast nicht aufs neue Album „Ballast der Republik“ geschafft. Aber so ist das mit den Hits der deutschen Bands. Auch BAP war kurz davor, „Verdamp lang her“ gar nicht zu veröffentlichen.
Es ist eine gute Show, die die Hosen bieten. Die Musik ist laut, Campino hat nach einer Stunde kein T-Shirt mehr an, thematisiert ständig die Misserfolge von Fortuna Düsseldorf und die Erfolge von Eintracht Frankfurt, der Boden klebt vor lauter Bier, es riecht nach Schweiß, vor den Klos sitzen junge Menschen, die womöglich nicht nur zu viel getrunken haben, andere Menschen kommen vorbei und singen laut „Steh auf, wenn du am Boden bist …“ Der gewöhnliche Tote-Hosen-Fan mag solche Abende.

Gruß an die Ärzte

Und der gewöhnliche Tote-Hosen-Fan mag die Ärzte. Oder er hasst sie. Jedenfalls sind ihm die Ärzte nicht egal. Und deshalb ist es ein gelungener Schachzug von Campino, plötzlich ein Lied einer „jungen aufstrebenden Band aus Berlin“ anzukündigen und „Schrei nach Liebe“ zu spielen. Nach dem Stück über den Neonazi, dessen Springerstiefel sich nach Zärtlichkeit sehnen, skandieren die Fans „Nazis raus“. Und das ist dann ein bisschen so wie bei den großen Nie-wieder-Konzerten Anfang der 1990er-Jahre, als die Toten Hosen mit eigenen Nazis-raus-Liedern extrem erfolgreich waren.
Der Abend in der Festhalle ist vor allem deshalb gelungen, weil die Leute das neue Album hören wollen. Weil sie Stücke wie „Europa“, das einen erheblich höheren Anspruch hat als „An Tage wie diesen“, einfach gut finden. So ist es eben keines dieser Konzerte, bei denen die Fans die neuen Lieder mehr schlecht als recht über sich ergehen lassen, aber eigentlich nur die Klassiker aus den 80er oder 90er-Jahren hören wollen.
Doch ein Lied fehlt. Finden zumindest die Eintracht-Fans, die ganz hinten am Bierstand stehen. Den ganzen Abend hatten sie sich darauf gefreut, und als nach zwei Stunden das Licht angeht, stimmen sie es einfach selbst an, und die Menschen um sie herum singen mit: „Wir würden nie zum FC Bayern München gehen …“

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