Sind sie es noch? Oder hören wir da Kraftwerk, die sich daran machen, ein Märchen aus 1001 Nacht zu vertonen - mit arabischem Singsang, hämmernden Keyboards und Synthesizer-Dissonanzen, die immer wieder Tempi-Wechsel einleiten. Das Intro will und will nicht enden, erst allmählich mischen sich in dem Song "Fez - Being Born" vertraute Klänge in die Verstörung, Klänge aus dem U2-Kosmos. Wir hören: dezent, doch unverkennbar, die glasklare Gitarre und den Urschrei eines uns nicht ganz unbekannten Sängers. "Burning rubber, burning chrome, Bay of Cadiz and ferry home", singt Bono. Noch eine Hommage an Kraftwerk: Wir fahrn fahrn fahrn auf der Autobahn, nur geht es diesmal über Straßen in Nordafrika. Auf ihrer neuen CD "No Line On The Horizon" sind U2 wieder unterwegs. Doch wohin die Reise geht, ist auch nach mehrmaligem Hören der elf Songs nicht genau zu bestimmen. Was kein Manko ist, weil diese Offenheit eine willkommene Abwechslung von all den Stadion-Rock-Chorälen bietet, für die man diese Band liebt und hasst.
Bleibt also alles anders. Wieder einmal, muss man hinzufügen. Es ist ja nicht das erste Mal, dass die vier Dubliner den Bombast, für den sie stehen, hinterfragen. In den 90ern waren sie ständig damit beschäftigt, den Geist des Stadionrocks, den sie selbst aus der Flasche gelassen hatten, mit Ironie, HipHop, Techno, Dancefloor und Was-weiß-ich-nicht wieder zu vertreiben. Was in großartigen Klangerweiterungen wie auf "Achtung Baby" gipfelte, manchmal aber sehr bemüht wirkte. Nach soviel Verstörung betrieben sie auf den letzten beiden Alben die Restauration: Mit Pathos und Gitarren-Krachern, die wieder wie ein Schlag ins Gesicht waren. Aber nach 33 Jahren im Geschäft hat das Quartett offenkundig doch keine Lust, in der Rolling-Stones-Falle zu sitzen und ein "wir können-es-immer-noch-gewaltig-rocken-lassen"-Album nach dem anderen zu produzieren.
Auf "No Line On The Horizon" lassen sie die Postmoderne wieder galoppieren, nur dass sie im Vergleich zu früheren, prätentiösen Erneuerungsversuchen wie dem "Passengers"-Album die Zügel fester in der Hand halten. Der Wille zur Veränderung spiegelt sich diesmal in überzeugenden Song-Strukturen wider - wenn man von der seltsam uninspirierten Single "Get on your boots" absieht, die wie ein Klon ihres Songs "Discotheque" klingt.
Aber sonst leidet dieses Album nicht an Ideenarmut. Von Aufnahmen in Marokko haben sie arabische Melodien mitgenommen, die als dezente Leitmotive viele der Songs verbinden. Dazu packen sie mal die Urgewalt eines Led-Zeppelin-Riffs (im grandiosen "Breathe") dann wieder klingt es, als würde Soul-Gott Al Green zu Kraftwerk singen. Ihre Kunst besteht darin, dass es ihnen gelingt, in dieses überbordende "Anything goes"- Spiel jenes Quantum U2-Sound einzuspeisen, der identitätsstiftend wirkt.
Diese CD ist ein schöner Flickenteppich, auf dem sie zu einem "Magic Carpet Ride" abheben. Eine Konstante sind die Texte: Es geht um Auf- und Ausbrüche, Männer und Frauen, Schuld und Sühne. Bono-Prosa eben, die alles erklären will und vieles hinterfragt. Auch sich selbst. "Nehmt euch in Acht vor kleinen Männern mit großen Ideen", warnt der nicht besonders groß gewachsene Sänger - und meint Napoleon, aber auch sich selbst. Was einiges über seine Selbstwahrnehmung aussagt.
U2: No Line On The Horizon (Island, Universal).