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Musik

17. März 2016

Underworld "Barbara Barbara" : Die Jagd ist abgeblasen

 Von 
Underworld auf dem Land: Karl Hyde (l.), Rick Smith.  Foto: Caroline International/Universal Music

Das britische Produzenten-Duo Underworld, Karl Hyde und Rick Smith, befreien sich mit neuem Album aus dem selbst geschaffenen Gefängnis.

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Elektronische Musik, Clubmusik, ist unerreicht – insbesondere in ihrer Vergänglichkeit. Während die meisten nächtlichen Tänzer mit viel Bonheur vielleicht noch den DJ hinter den Plattentellern kennen, so sind die Komponisten der Stücke, deren Schnipsel da gerade miteinander zu einem betanzbaren und leicht konsumierbaren Klangteppich verwoben werden, eine gesichts- und ruhmlose Masse.

Vor diesem Hintergrund bildet das britische Produzenten-Duo „Underworld“ eine bemerkenswerte Ausnahme. Mit „REZ/Cowgirl“ schrieben sie 1993 Club-Musikgeschichte, mit „Born Slippy“, der Titelmusik des Danny-Boyle-Films „Trainspotting“, wurden sie 1995 über Nacht und das Nachtleben hinaus bekannt, hielten sich 17 Wochen in den deutschen Single-Charts. Beide Stücke trotzten bis heute der Vergänglichkeit, wurden nicht schon wenige Wochen nach Erscheinen von ihren Nachfolgern hinweggespült. „Danach war alles anders“, sagt Frontmann Karl Hyde der FR, der mit seinem Partner Rick Smith schon seit 1979 in diversen Bands und seit 1988 als Underworld unterwegs ist.

Dieses „alles anders“ brachte positive Seiten wie finanzielle Unabhängigkeit und Auftritte auf den größten Bühnen der Welt. Aus dem britischen Nischenprodukt Underworld wurden Popstars und fortan teilten sie das Schicksal anderer Popstars: Die meisten Menschen kennen eben nur die großen Hits. „Wir saßen in der Born-Slippy-Falle, waren nicht mehr frei in unserem kreativen Schaffen. Wir haben 20 Jahre gebraucht, um uns zu befreien“, schaut Hyde heute zurück.

Dazwischen: nur ein paar gute Momente

Tatsächlich, 20 Jahre. Vom Erscheinen des Albums „Second Toughest in the Infants“ im Jahr 1996, dem „Born Slippy“ schon als Extra-Single beigefügt war, weil es sich partout nicht in das Gesamtbild einfügen wollte, bis zum aktuellen Album „Barbara Barbara, we face a shining future“. Dazwischen, das sagt Hyde selbst, gab es nichts Vergleichbares. Es gab zwar viele gute Tracks auf dem Nachfolger-Album „Beaucoup Fish“, aber von da an war aber jeder Langspieler eine Aneinanderreihung von Beliebigkeiten mit ein paar guten Momenten, immer auf der offensichtlichen und erfolglosen Suche nach dem neuen „Born Slippy“.

Die Konsequenz: „Wir brauchten eine Pause. Auch voneinander“, so Hyde. Jeder ging nach dem viel zu melodiösen, von Künstlern wie Paul van Dyk mitproduzierten und völlig zu Recht weitestgehend unbeachteten Album „Barking“ im Jahr 2010 seine eigenen Wege. Hyde sammelte Erfahrungen als Solokünstler, Smith war 2012 verantwortlich für die Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in London. „Ich habe mit anderen Künstlern gearbeitet, auch oft hier in Berlin, aber im Laufe der Jahre wurde mir klar, dass ich meinen Partner Rick tatsächlich vermisse“, so Hyde.

Beim Entschluss, wieder ein gemeinsames Album als Underworld aufzunehmen, seien sich beide von Anfang an einig gewesen, dass sie nicht einfach wieder „in die selben alten Kleider“ schlüpfen wollten. „Wir mussten den Reset-Knopf drücken, alles zurücksetzen, wie eine neu gegründete Band arbeiten, unser selbst geschaffenes Gefängnis wieder verlassen.“

Das hat funktioniert. Das aktuelle Album knüpft an die Größe, an die Homogenität, an die Detailverliebtheit und den alles umspülenden, samtweichen Klangkosmos von „Second Toughest“ an, ohne in den Produktionsmöglichkeiten der 90er zu erstarren. Es spielt mit Songstrukturen, mit sanften Harmonien, mit Hydes hypnotischer Stimme und gibt sich nicht dem Dogma des monumentalen Trommelwirbels und epischer Breaks hin. Hyde führt das darauf zurück, dass Underworld für die Arbeit im Studio ihr eigenes Live-Erlebnis adaptiert haben. „Wir haben viele traditionelle Instrumente in unser Studio in Ascot geschleppt, Rick hat analoge Synthesizer benutzt und wir haben gejammt. Dieses Band-Gefühl war wirklich wichtig für uns als Partner und gut für den Produktionsprozess.“

Die freie Improvisation im Studio war ein Neubeginn für Underworld. „Wir haben bis dahin nur bei Liveauftritten improvisiert. Was irgendwie schade und verwunderlich ist, denn wir wissen seit langem, dass wir wirklich gut darin sind. Aber im Studio haben wir das nie gemacht. Selbst ,Second Toughest‘ wurde typisch elektronisch designt.“ Hyde sieht eine direkte Verbindung zwischen „Second Toughest“ und „Barbara Barbara“: „,Second Toughest‘ war das letzte Album vor ,Born Slippy‘, das letzte Album, das wir frei von Zwängen und Erwartungen komponieren konnten. Von daher fühlt es sich jetzt für mich an, als sei das aktuelle Album der direkte Nachfolger von ,Second Toughest‘, als hätte es dazwischen nichts gegeben.“

Nichts außer 20 Jahren und vier Alben – und einem für Hyde wichtigen Ritual: Der Sänger sitzt nach Möglichkeit jeden Morgen von 7 Uhr an eine Stunde in einem Café irgendwo auf der Welt und schreibt seine Beobachtungen auf, schießt seit der Erfindung der Digitalfotografie auch jeweils ein Foto. Diese Beobachtungen werden im Laufe der Zeit zu Büchern, die Bücher zu einem „Gewürzregal“ für seine Texte. „Beim Texten nehme eine Prise Dunkelheit, eine Prise Licht, schmecke vorsichtig ab“, beschreibt Hyde den Prozess, in dem seine kryptischen Underworld-Texte entstehen. Sie sind zu weiten Teilen aus den Gesprächsfetzen zusammengesetzt, die er an den Nachbartischen der Cafés aufgeschnappt hat. Seit einigen Jahren sind diese Tagebuch-Einträge auf der Website der Band zu sehen. „Ich bin völlig ungeeignet, meinen Gefühlen mit normalen Worten Ausdruck zu verleihen. Aber die Fraktale sind ein echter Spiegel meiner Seele“, sagt Hyde.

Auch der aktuelle Albumtitel ist solch ein Fraktal. Allerdings habe das Smith gesammelt. Es stamme von Smiths Vater, der im Krankenhaus seiner Frau Barbara in einem Moment allergrößter Sorge habe Mut machen wollen. „Als Rick mir von dieser Szene erzählte, war mir sofort klar, dass das der neue Albumtitel sein muss“, sagt Hyde. „Mittlerweile ist Ricks Vater gestorben und dieser Satz ist wie eine wichtige Botschaft, die er uns hinterlassen hat.“

Die nächsten Monate ihrer strahlenden Zukunft werden Smith und Hyde auf der Straße und der Bühne verbringen. Dabei wird auch die Vergangenheit wieder eine Rolle spielen. „Es wäre arrogant von uns, nicht Born Slippy oder Cowgirl zu spielen.“ In all den Jahren sei es daher nie langweilig geworden, das monotone „everything, everything“ von Cowgirl oder das elegische „drive boy, dog boy, dirty numb angel boy“ von Born Slippy anzustimmen, das im Laufe der Jahre größer wurde als Underworld selbst. Das nächste Album soll auch schon in Arbeit sein, komponiert im Tourbus und in Hotelzimmern. Wie das so üblich ist bei Popstars mit großen Hits.

Live: 18. März, Mannheim. Underworld: Barbara Barbara, we face a shining future. Caroline International/ Universal Music.

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