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Musik

05. November 2008

Unsichere Zeiten: Die 20-Millionen-Dollar-Violine

 Von NORMAN LEBRECHT
Eine Guarneri von 1743, deren Wert auf zehn Millionen Dollar taxiert wird - wie viel ein Käufer für so ein Instrument tatsächlich zahlt, steht auf einem anderen Blatt. Foto: dpa

Mit Rezessionen wurden Musiker bisher stets relativ gut fertig. Ein krasses Angebot könnte aber nun böse Folgen haben.

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Die beste Londoner Geige steht jetzt in Chicago zum Verkauf - ein Zeichen dafür, dass die Zeiten schlechter geworden sind. Es handelt sich um eine Guarneri del Gesu von 1741. Elf Jahre lang wurde sie von dem großen belgischen Virtuosen Henri Vieuxtemps gespielt, der 1881 starb und sie dem berühmten Solisten Eugène Ysaye vermachte. Seit 1966 befindet sie sich im Besitz des Londoner Bankiers Ian Stoutzker. In jungen Jahren studierte er am Royal College of Music bei Albert Sammons und hält seine Guarneri in höchsten Ehren. Er zeigte mir einmal in seiner Villa, wo er sie aufbewahrte: unterm Bett, stets zur Hand.

Aber es herrschen unsichere Zeiten, und der 79-jährige Stoutzker muss sich von Schätzen trennen. Für die Guarneri ruft er 20 Millionen Dollar auf. Das wäre das Doppelte der höchsten Summe, die je für ein Musikinstrument bezahlt wurde. Aber vielleicht hat er Recht, denn eine Violine verliert nicht an Wert, und das große Geld wird jetzt, da Banken und Aktien keine sicheren Anlagen darstellen, in Kunstobjekte und Sammlerstücke investiert.

In Zeiten von Depression und Rezession hat sich der musikalische Sektor immer als sehr stabil erwiesen. Die meisten Musiker reisen viel und finden normalerweise ein Plätzchen, wo sie versorgt sind, bis das Schlimmste vorbei ist. Wenn die Ersparnisse aufgebraucht sind, gibt es mehr als genug Möglichkeiten, sich mit Musik den Lebensunterhalt zu verdienen, wie man 1929 sah. Der Pianist Artur Schnabel, dessen Aktien wertlos geworden waren, brach sein Gelöbnis, niemals Platten aufzunehmen, und spielte bei EMI die 32 Beethoven-Sonaten ein. Igor Strawinski komponierte ein einfaches Capriccio für Klavier und Orchester, das er selbst als Solist spielen konnte, und strich für jedes Konzert doppelte Gage ein.

Kaum ein Musiker von Rang musste jemals sein Instrument verkaufen, um zu überleben. Unter Musikern verstieße das gegen die Macho-Ehre, und man ist stolz darauf, wie man sich in harten Zeiten durchschlägt. Der Pianist Arthur Rubinstein lud einmal Strawinski und Sergei Rachmaninow in Hollywood zum Abendessen ein, ohne zu wissen, dass sich die beiden russischen Exilanten nicht ausstehen konnten. Die Atmosphäre war eisig, bis die Rede darauf kam, wie viel Geld man bei der Revolution von 1917 und dem Börsenkrach von 1929 verloren hatte, und jeder sich damit brüstete, wie er durch seinen Einfallsreichtum dem Ruin entgangen war.

Auch Orchester blühen während einer Depression auf. London hatte vor dem großen Börsenkrach nur ein Symphonieorchester; in den Jahren 1930 bis 1932 kamen zwei weitere hinzu. In den mageren Jahren 1945 bis 1957 erhöhte sich die Zahl auf fünf. In Amerika arbeiteten Musiker in Bands und fanden neue Jobs in Hollywood. Die öffentliche Nachfrage nach Musik stieg immer umgekehrt exponentiell zum finanziellen Einbruch an.

Die Ölkrise war kein Problem

Keine Musikbranche ging während der Ölkrise von 1974 und der Rezessionen von 1981 und 1992 pleite, keine Konzerthalle musste schließen, kein Starinterpret Sozialhilfe beantragen. Für Musiker ging das Geschäft normal weiter, für manche sogar besser als sonst. Angesichts unsicherer Währungen investierten einige reiche Leute in erlesene Violinen, die sie großzügig an junge Künstler verliehen, die normalerweise nie an ein solches Instrument gekommen wären. Zur selben Zeit gründeten Stoutzker und Yehudi Menuhin die Organisation Live Music Now, die bedürftigen jungen Menschen Musik nahe bringen soll.

Im Moment aber sieht die Zukunft nicht so rosig aus. In der letzten Generation wurden musikalische Organisationen hauptsächlich von Banken und anderen Finanzdienstleistern unterstützt. Die beiden krisengeschüttelten Banken von Schottland subventionieren das Nationalorchester und das Edinburgh Festival. Das Royal Opera House bekommt Geld von Coutts, einer Tochtergesellschaft der Royal Bank of Scotland. Das London Symphony Orchestra verlässt sich auf die Schweizer Großbank UBS und die New Yorker Philharmonie auf die Credit Suisse.

Angesichts der Bankenkrise und der strenger werdenden Regulierung sind zukünftige Subventionen ungewiss. "Die Lage wird sich kaum verbessern", schließt eine in England von Arts & Business durchgeführte Studie. Viele Orchester und Opernhäuser müssen im nächsten Jahr mit Einbußen rechnen und werden auf diese reagieren, indem sie weniger neue Produktionen machen und auf das bewährte Repertoire setzen werden. Da die Kunst ohne Inhalte nicht existieren kann, werden risikofreudige Projekte wahrscheinlich die kleineren Formen wählen - Kammeropern, Solokonzerte.

Es wird für gute Musiker immer Arbeit geben; die Verfügbarkeit von Instrumenten ist allerdings fraglich. Es hängt tatsächlich sehr viel vom Schicksal der Stoutzker-Geige ab.

Was man über die Preise für Violinen hört, ist meistens Legende oder überhaupt Unsinn. Im Februar hat der Moskauer Anwalt Maxim Viktorow angeblich die "Rekordsumme" von 3,9 Millionen Dollar für eine so genannte Vieuxtemps Guarneri bezahlt, von der Experten sagen, sie sei weder in tadellosem Zustand, noch habe Vieuxtemps sie mehr als fünf Minuten gespielt.

Der wahre Wert erstklassiger Violinen wird in privaten Verträgen festgesetzt. Aus meinen Quellen weiß ich, dass eine der Spitzen-Stradivaris 2007 für acht Millionen Dollar von einem Geschäftsmann in Kalifornien erworben wurde und eine andere dieses Jahr von einer russischen Stiftung für denselben Preis. Die makellose "Lady Blunt"-Stradivari, benannt nach der Enkelin Lord Byrons, stellte einen Rekord auf, als sie für zehn Millionen Dollar an die Nippon Music Foundation verkauft wurde, die ihre Instrumente so begabten Künstlern wie Lisa Batiashvili, Nikolaj Znaider und dem Tokyo String Quartett zur Verfügung stellt. 1971 wurde die "Lady Blunt" für nur 200 000 Dollar bei Sotheby's verkauft. Daraus lässt sich ersehen, wie attraktiv Instrumente für Investoren sind.

Die Stoutzker-Geige sucht nach einer anderen Art von Investor. Der Verkäufer in Chicago, Geoff Fushi, hat Kontakte zur russischen Machtelite und zum chinesischen Präsidenten Jiang Zemin. Wenn die Geige den festgesetzten Preis erzielt, wird das die Instrumentenpreise über Nacht verdoppeln, sei es für eine Guarneri oder die Art von Instrumenten, die jungen Musikern zugänglich sein sollte. Das wäre eine Katastrophe für das internationale Musikgeschehen. In der kommenden Rezession wird es zwar Arbeit für Musiker geben, aber ob ihnen nach einer solchen Preisexplosion die benötigten Instrumente noch zur Verfügung stehen werden, ist fraglich.

Übersetzung: Andrian Widmann

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