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Uraufführung von "Pietas": Politik und Tektonik

Die Uraufführung von "Pietas" ist eine Chorsinfonie, in der Chor und Orchester nebeneinander arbeiten. Das Auftragswerk des Hessischen Rundfunks und des Cincinnati Symphony Orchestra wurde in der Alten Oper Frankfurt uraufgeführt. Von Hans-Jürgen Linke

Erkki-Sven Tüür.
Erkki-Sven Tüür.
Foto: Anu Tammemägi/HR

Im Grunde hat Beethoven die Blaupause geliefert. Seine Chorkantate "Meeresstille und glückliche Fahrt", eine Vertonung von zwei Gedichten Goethes, liefert ein Modell von geheimnisvoll raunenden Fragen, die bald in einen bedrohlich leer laufenden Schrecken münden: Schon zu Beethovens und Goethes Zeiten scheint Stillstand eher mit Tod als mit Ruhe assoziiert gewesen zu sein; die anschließende "glückliche Fahrt" ist ein Vorbote der großen Schillerschen Freude aus der letzten Symphonie. Das brillante HR-Sinfonieorchester und der NDR-Chor unter Paavo Järvi (Chorleitung: Werner-Hans Hagen) inszenierten mit ihrem groß dimensionierten Kurzstreckenweg (acht Minuten) auf der dynamischen und agogischen Skala das Stück äußerst wirkungsvoll wie eine tödliche Erstarrung und strahlend glückliche Rettung.

Diese starke emotionale Vorgabe wurde von Erkki Sven Tüürs siebter Sinfonie mit dem Titel "Pietas" nicht ungebrochen aufgenommen. Die "Pietas", ein Auftragswerk des Hessischen Rundfunks und des Cincinnati Symphony Orchestra (dessen Chefdirigent ebenfalls Paavo Järvi ist), wurde am Donnerstag vom HR-Sinfonieorchester in der Alten Oper uraufgeführt. Es ist eine Chorsinfonie, in der Chor und Orchester nebeneinander arbeiten. Sie lebt zwar auch von einer Dramaturgie emotionaler Gegensätze, aber diese Gegensätze werden zwischen Orchester und Chor - dessen Texte vor allem von Buddha und Gandhi stammen - aufgeteilt und verhalten sich zueinander wie tektonische Gebilde, die aufeinander geschoben werden: Sie vermischen sich nicht, sondern intensivieren und erhöhen füreinander den Druck.

In hr2 Kultur :

Am 30. Juni, 20.05 Uhr

Tüürs Sinfonie besteht weniger aus vier Sätzen als aus vier Wellen. Deren Anordnung folgt einer Steigerungsdramaturgie, die aber ohne eine Beethovensche Auflösung auskommt. Inwieweit das eine Folge der vektoriellen Kompositionstechnik ist, von der Tüür ein wenig kryptisch spricht, ist nicht ohne weiteres zu erkennen. Erkennbar ist gleichwohl der politische Gehalt des Werkes. Tüür widmet die Sinfonie Tenzin Gyatso und dessen lebenslangem Wirken. Tenzin Gyatso ist der Mönchsname des derzeitigen Dalai Lama.

Autor:  HANS-JÜRGEN LINKE
Datum:  20 | 6 | 2009
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