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Musik

20. November 2012

Valéry Afanassiev: Mit voller Wucht

 Von Martin Wilkening
Verwunschenheit, Versunkenheit, Selbstverlorenheit - all dies liegt in der Musik des Klavier-Exzentrikers. (Symbolbild)Und wilder Schönheit: Valéry Afanassiev spielt Schubert Foto: imago stock&people

Und wilder Schönheit: Valéry Afanassiev spielt Schubert

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Nach Beweisen, wie ungerecht es auf der Welt zugeht, braucht man nicht lange zu suchen. Einer mehr war das erschreckend geringe Publikumsinteresse an dem Pianisten Valéry Afanassiev im Großen Saal des Konzerthauses, denn wenn es danach ginge, in welche Dimensionen dieser einzigartige Musiker mit Schubert vorstieß, dann hätte der Saal aus allen Nähten platzen müssen. Oder eben gerade nicht, denn marktkonform ist Afanassievs Schubert-Spiel wahrlich nicht, auch das ein Zeichen seiner Wahrhaftigkeit. Und es ist auch nicht von jener absoluten Perfektion, bei der dann kaum noch nach musikalischen Gedanken gefragt wird. Wer aber diese Musik in ihrer Verwunschenheit, Versunkenheit, ihrer ganzen Selbstverlorenheit so erleben will, wie sie sich in seinen hochgespanntesten Phantasien allenfalls andeuten mag, der findet keinen weiseren Führer dorthin als diesen Klavier-Exzentriker.

Manchmal braucht es auch Zeit, das zu erkennen. Afanassievs Aufnahme der B-Dur-Sonate aus den späten achtziger Jahren gilt als eine Art ewiger Geheimtipp. Sie liegt bei mir, zu meiner Schande muss ich dies bekennen, seit ewig unausgepackt, wohl weil ich die unvergesslichen Eindrücke der ein Jahrzehnt älteren Richter-Einspielung nicht ankratzen lassen wollte. Im Konzert war diese Ausnahme-Sonate, die mit so viel kaum einzulösenden Erwartungen belastet ist, eigentlich immer eine große Enttäuschung, egal welch bedeutende Pianisten sie auf dem Programm hatten und egal, welch freundliche Worte sich schließlich doch dafür fanden.

Jetzt, nach Afanassievs wild-schönem Abend mit diesem Stück, empfinde ich doppeltes Glück. Zum einen darüber, die erste Begegnung mit diesem Musiker wirklich mit voller Wucht live erlebt zu haben, und nicht schon vorgeprägt durch die CD. Zum anderen darüber, diese Musik mit ihren Untiefen und Abgründen, ihrem Schweigen und ihrer ganz unwirklichen Beredsamkeit in einer Weise erlebt zu haben, die das Geahnte noch überschreitet.

Auch wenn man weiß, welche Tragik im ersten Satz die Wiederholung der Exposition bedeutet, ein an sich ja ganz formaler Vorgang, ist man einigermaßen fassungslos vor der Ungeheuerlichkeit der Welten, in die Afanassiev hier abdriftet, den zerfallenden und zerfaserten Kadenzresten, den schwindelerregend gedehnten Pausen, dem dunklen Trillergrollen, das alleine eine ganze unheimliche Landschaft malt und schließlich jener Klang-Explosion, nach der nichts mehr so sein kann wie es war und trotzdem alles wieder von vorne beginnt, ohne aber dasselbe zu sein. Jetzt darf die CD für weitere Jahre in ihrer Verpackung ruhen.

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