Äußerst lebendig ist Verdi im Repertoire mit einem Dutzend Opern; bei einer gleichen Anzahl kann von Vergessen ebenfalls die Rede nicht sein. Zu diesen lohnenden Raritäten gehören die "Masnadieri", seine zweite Schiller-Vertonung nach der "Giovanna di Arco". Andrea Maffeis Librettobearbeitung hält sich eng an den Text des Schiller´schen Schauerdramas "Die Räuber".
Die schönen Ungehobeltheiten der Freiluft-Bandenkriminalität erscheinen zurückgedrängt, aber vor allem im dritten Aktfinale gibt es chorische Räuberfolklore. Tragendes Handlungsgerüst ist ansonsten das standardisierte Leidenschaftstrio (eine Frau zwischen zwei Männern), erweitert um einen ebenfalls typischen Verdi-Vater, der, ohnmächtig-mächtig, als autoritäres Prinzip in die Lebensknäuel seiner beiden ungleichen Söhne verstrickt ist. Arien und Duette bestimmen die musikdramatische Struktur; größere Tableaus werden sparsam geschaffen.
Während Schiller den Wald exponiert als Ort der ruhelos schweifenden Gefühle, ist die Outdoor-Sphäre für den Karlsruher Regisseur Alexander Schulin nur eine Phantasmagorie; das Quartett der Hauptakteure bleibt gebannt an ein (von Bühnenbildner Christoph Sehl farbkontrastiv entworfenes) Puppenhaus mit zwei Etagen und verschieden formatierten Raumsegmenten. Das offene, nach und nach ausgeweidete Haus gerät zu einer Szenerie, in der sich alle begegnen und belauern, aber auch einander verfehlen und ausweichen. Emotionale Ambivalenzen drängen sich auf, ohne dass die Schraube der surrealen Neuenfels-Effekte allzu scharf angezogen würde.
Das Format einer großen Verdiaufführung kommt insbesondere durch die vokaldarstellerische Gestaltung zustande. An erwärmter Bass-Intensität ließ Konstantin Gorny als Vater Moor nichts zu wünschen übrig. Mit einem ausdifferenzierten, souverän abschattierten Bariton-Gestus verschärfte Stefan Stoll die Seiten der "Kanaille" Francesco (Franz). Dass leidenswunden Carlo (Karl) die gesammelte, durchaus stämmige und sorgfältig fokussierte Tenor-Substanz von Keith Ikaia-Purdy vorbehalten war, verhalf der Darstellung zu eindringlich-einheitlicher Konturierung. Ganz wunderbar vor allem in ihren lyrischen Bögen die Amalia von Barbara Dobrzanska. Mit der Staatskapelle gelang Jochem Hochstenbach eine ebenso kultiviert-beredte wie in den ruhigen Phasen liebevoll-ungehemmt ausmusizierte Verdi-Rhetorik.
Badisches Staatstheater Karlsruhe, 14. Februar, 10., 18. 25. Märzwww.staatstheater.karlsruhe.de