Vor dem Berghain, dem berühmtesten Technoklub Berlins, ist die Schlange so lang wie immer. Nur zwei Dinge tanzen aus der Reihe: Es ist Dienstag, das Wochenende weit weg, und erwartet wird nicht ein DJ, sondern der Pianist Hauschka sowie der deutsche Oboen-Star Albrecht Meyer.
Gleich wird Meyer das Ensemble New Seasons vorstellen, "let"s rock" sagen und Transkriptionen von Johann Sebastian Bach spielen. Die Frau in der Schlange hatte nicht gelogen, als sie rief: "Ich muss hier durch, meinem Mann das Hemd bringen!" Tatsächlich sieht das gestärkte Hemd auf der Bühne blendend aus, das war wirklich Frau Meyer.
Doch wer waren all die anderen, die sich in der Disco die Beine in den Bauch standen, um Bach zu hören? Fest steht: Es waren viele - und der Abend ist kein Einzelfall. Die Klassik geht vermehrt in den Klub, vor allem der Branchenführer Universal Music forciert diesen Gang. Allein, diese Räume wurden nicht für Holz und Streicher gebaut. Spielt die Musik unverstärkt wie bei Albrecht Meyer, säuft der Klang ab, ohne dass der Kunst dabei etwas Neues hinzugefügt wird.
Mikrofonierte Musik wie etwa das präparierte Piano von Hauschka hat es einfacher. Doch das riecht stärker nach New Age als nach Neuer Klassik - die Achtel stechen den Beat, die Akkorde schwimmen ins Offene.
Die Klassik im Klub wird Episode bleiben. Es ist der umgekehrte Weg, der vielerorts zu Innovation führt: Elektronische Musiker zieht es zu akustischen Instrumenten und Klangquellen, die alten Archive der europäischen Musik sind ihre neue Inspiration.
Wo der Begriff Crossover früher oft stumpfe Stilparodien produzierte - Bach auf dem Synthesizer, Techno mit Schlager, Hardrock vom Orchester -, geht es in diesem noch namenlosen Trend um die tatsächliche Erweiterung des Formenrepertoires. Vielleicht wird Crossover damit endlich ins Recht gesetzt: als Überschreitung.
Mögliche Zielgruppen: Hausbesetzer und Spitzenpolitiker
Dass es also gerade nicht darum geht, eine andere Klangquelle mit dem Computer plattzuwalzen, beweist das Album "Cloudland" des Trios Whitetree. Die Ostdeutschen Robert und Ronald Lippok, Berliner Technopioniere, folgen mit Schlagwerk und Elektronik den auch mal in Dur gehaltenen Impressionen des italienischen Pianisten Ludovico Einaudi. Man merkt dieser Musik, das gilt auch für viele andere Beispiele, die Vorsicht der frischen Begegnung an. Man hört Sorge, Respekt, man hört Zuhören. Das ist oft wach, manchmal zaghaft.
Warum dieser Run der Elektroniker auf akustische Klänge? Christian Kellersmann leitet die Klassik- und Jazzabteilung bei Universal Deutschland und stößt sich an den Klassenschranken im Konzertsaal. "Es gibt einen ganzen Katalog von Benimmregeln im klassischen Konzert, der viele abschreckt. Gleichzeitig ist das emotionale Erlebnis einfach herausragend, vor allem in punkto Dynamik." Es ist eine Dynamik des Klanges, die weder ein Popkonzert noch eine Klubnacht liefern können.
In der Universal-Reihe "Recomposed" dürfen elektronische Musiker im Karajan-Archiv der deutschen Grammophon wildern. Dem Berliner Produzenten Moritz von Oswald ist in Zusammenarbeit mit der Techno-Legende Carl Craig die bis anhin feinste Aneignung gelungen. Selbst für Popohren durchgenudelte Standards wie Ravels "Bolero" oder Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" wurden bei von Oswald/Craig erst in ihre rhythmischen (bei Ravel) oder harmonischen (bei Mussorgsky) Bestandteile zerlegt, um sie dann behutsam in eine technoide Spur gleiten zu lassen.
Welchen Konsumenten hat man da als Geschäftsmann im Blick? Christian Kellersmann wird konkret: "Eines der Bilder, die mir zur Zielgruppe in den Sinn kommen: Ein allgemein kulturinteressiertes Publikum, das auch auf Ausstellungen zeitgenössischer Künstler geht, zum Beispiel von Daniel Richter oder Neo Rauch."
Es ist wie mit der Musik selbst: Zwischen Daniel Richter und Neo Rauch passt vieles rein, vom Hausbesetzer bis zum Spitzenpolitiker. Und doch weiß man in etwa, wer damit gemeint sein könnte. Denn es sind in beiden Fällen Kunden, die sich von der Kultur des Klingeltons und vom Trash abgrenzen wollen. Es sind Kunden, die den Glauben an die klassenüberschreitenden Kraft von Pop verloren haben. Diese oft so wunderschöne, grenzesoterische Musik handelt auch vom sozialen Aufstieg und schleppt das Gegenteil als Angstschwanz hinter sich her.
Liftmusik für Fortgeschrittene
Einen weiträumigen, aktuellen Überblick über den Trend bietet die Zusammenstellung "XVI Reflections on Classical Music". Lawrence, ein Hamburger Techno-DJ und Produzent, eröffnet das Album mit einem Track, der mit gerade gesetzten, aber verhallten Vibraphon-Akzenten im Vordergrund und leisen Chor-Samples im Hintergrund, die synthetischen Streicher dazwischen, eine Klang-Kathedrale baut. Die Sache ist ernst. Aber entspannt: Oft passiert wenig, fast alle Techno-Klassik-Fühlereien informieren sich irgendwo bei der Minimal Music.
Und oft steht der Flügel im Zentrum, egal ob präpariert, gezupft oder als gewöhnliches Klavier. Zumindest auf "XVI Reflections..." Vom Pop übrig bleibt dann nur das Flair für die Wiederholung, für das süße Nicht-Lassen-Können von der Melancholie zum Beispiel. Die Droge ist hier oft die Schönheit des Ungefähren. Meistens sind es die Älteren wie Philipp Glass, die an etwas mehr Strenge interessiert sind.
Musiker wie Moritz von Oswald laufen nicht Gefahr, sich in den Wolken von Harmonie und Klang zu verlieren. Von Oswald war klassischer Schlagzeuger, bevor er dem deutschen Techno entscheidende Impulse verlieh. "Vertical Ascent", sein neues Album, ist eine einzige Schlagwerk-Meditation. Der Rhythmus wird endscheiden, ob die Elektromusiker die Quellen der Klassik doch nur als Klangteppiche plündern.
Das kann den im Übrigen besten passieren: Als Jeff Mills, Technogott aus Detroit, im Berliner Berghain doch noch an den Reglern stand, klang es vor allem nach Liftmusik wenn auch für Fortgeschrittene.