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Vic Chesnutt stirbt an Überdosis: Das Glück braucht keine Poesie

Seit einem Autounfall war er an den Rollstuhl gefesselt. Seine Art Songs zu schreiben, beschrieb Vic Chesnutt einmal als Sehnsucht nach einem ungewissen Zustand der Schönheit. Von Ulrike Rechel ( mit Video)

Vic Chesnutt auf der Bühne beim Festival La Route du Rock (2008).
Vic Chesnutt auf der Bühne beim Festival "La Route du Rock" (2008).
Foto: bertrand/wikipedia/cc

Manchmal hat Sebastian Schipper lange gewartet. Auf eine E-Mail aus Athen, auf den nächsten Schub Musik-Files von Vic Chesnutt. Der Filmemacher hatte sich getraut, seinen Songschreiber-Helden um Musik zu bitten. "Mitte Ende August" heißt die sehr freie Verfilmung von Goethes "Wahlverwandtschaften", die der Regisseur in die einsame Seenlandschaft der Uckermark verlegt.

Der Soundtrack gehört nun zu den letzten Arbeiten des Songwriters aus Georgia, der seit einem Autounfall mit 18 Jahren an den Rollstuhl gefesselt war. Die meist instrumentalen Tracks, die Chesnutt auf der Gitarre komponierte, klingen roh und geisterhaft verhallt. Dem deutschen Klassiker verleiht das etwas von einem Traumtripp à la Jim Jarmuschs "Dead Man".

Im Herbst folgten nochmals zwei neue Chesnutt-Platten; 2009 war somit ein sehr produktives Jahr für den Mann mit der knarzenden Stimme und dem dunklen Humor. "Flirted With You All My Life", heißt ein Song auf dem letzten Studioalbum "Skitter On Take-Off". Chesnutt beschrieb den Titel mit einem Augenzwinkern als "a suicide´s breakup song with death"; ein Trennungslied, in dem der Selbstmörder Schluss macht mit dem Tod. Sein mal zarter, öfter rauer Humor, ist auf "Skitter On Take-Off" somit in vertrauter Blüte, die Grenzen zwischen Helligkeit und Verzweiflung verlaufen fein.

Das passt zu einer Zeit, in der der Mann einerseits zwar unermüdlich Songs schrieb und gemeinsam mit Bassistin und Ehefrau Tina Chesnutt Konzerte spielte. Andererseits klang der Sänger, zu dessen Freunden und Bewunderern Kollegen zählten wie Michael Stipe, Jonathan Richman, Lambchop oder Patti Smith, zuletzt auch niedergeschlagen. Meist wenn er über die Schulden berichtete, die sich seit seinem Unfall durch die Behandlungskosten häuften.

Seine Art Songs zu schreiben, beschrieb Vic Chesnutt einmal als Sehnsucht nach einem ungewissen Zustand der Schönheit. Wenn er dort erstmal angelangt sei, habe er wohl "nichts mehr zu sagen", wo das Glück nun mal "keine Poesie und keine erfundene Melodie" brauche.

Der 45-jährige Chesnutt hatte an Weihnachten Beruhigungsmedikamente gegen seine Gliederschmerzen überdosiert. Er fiel in ein Koma, aus dem er nicht mehr aufwachte.

Autor:  Ulrike Rechel
Datum:  27 | 12 | 2009
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