Sie gelten längst als die Grammies des Jazz, auch wenn die Fernsehkameras und die Superstars fehlen: Nur die amerikanische Jazzjournalisten-Vereinigung (JJA) schafft es einmal im Jahr, ein derart verzweigtes und widersprüchliches Jazz-Promi-Publikum in einem Raum zu vereinen.
Hier gibt es symbolische Preise für den 90-jährige Pianisten Hank Jones, den Avantgarde-Geiger Billy Bang und den Trompeter Herb Alpert, der mit seiner 1982 gegründeten Stiftung seither geschätzte 100 Millionen Dollar in die musikalische Ausbildung junger Menschen investiert hat. Von den gut dotierten Alpert Awards haben schon Musiker wie Steve Coleman, Butch Morris und Vijay Iyer profitiert, von denen man dieser Tage große Konzerte in New York hören konnte.
Die unabhängige und selbst organisierte Veranstaltung der JJA ist der Community der Jazz-Aktivisten und -Musiker gewidmet, und so sind gerade die Turbulenzen dieser Tage ein wichtiges Thema. Die einflussreiche amerikanische Jazz-Zeitschrift Jazz Times wurde zwar bei der Preisverleihung noch als bestes Blatt ausgezeichnet, doch das Erscheinen hatte sie schon mit der Mai-Ausgabe eingestellt.
Renommierte Journalisten wie Bill Milkowski verbinden ihre kurzen Preisreden nun mit flehentlichen Bitten um Jobangebote, und selbst der Musikproduzent Bruce Lundvall witzelt, dass er sich wohl schon bald bei den Musikern, die er einst für das von ihm geleitete Label Blue Note unter Vertrag nahm, als Roadie bewerben könne. Fakt ist, dass der Mainstream-Jazz von der Krise erfasst wurde und man hier zu ahnen scheint, dass die herkömmlichen Strukturen nicht mehr tragen werden.
Es ist nicht nur die digitale Revolution, die von den meisten Jazzlabels und Magazinen verschlafen wurde. Hinzu kommen nun wirtschaftlich bedingte Domino-Effekte: Als größter Verlierer entpuppte sich die Firma Festival Network, die erst vor wenigen Jahren von dem heute 83-jährigen Jazzfestivalmacher George Wein an ein jüngeres Team verkauft worden war. Da der Hauptsponsor JVC nach 25 Jahren die Subventionierung von Jazz-Festivals einstellte, fiel das größte New Yorker Jazzfestival kurzerhand aus. Daraufhin verlor auch Jazz Times ihren letzten großen lukrativen Auftrag, sie hatte alljährlich das Programmheft für das Festival produziert. Eine ähnlich folgenschwere Pleite hatte diese Szene schon vor einem Jahr verkraften müssen, als die International Association of Jazz Educators (IAJE) ihre 10 000 Mitglieder in einer Email über die Pleite der Organisation unterrichtete.
Auf der Bühne des Jazz Standard wurde George Wein nun als Festivalorganisator des Jahres ausgezeichnet; ihm ist es zumindest gelungen, das vor 55 Jahren gegründete Newport Jazz Festival wieder zu beleben. In seinem ganzen Leben habe es noch nie soviel Aufmerksamkeit für ein Jazzfestival gegeben, das gar nicht stattfinde, kommentierte Wein die Situation in New York. Auch da wolle er Abhilfe schaffen.
Zu den großen neuen Stimmen, die von den 450 Mitgliedern der amerikanischen JJA in diesem Jahr ausgezeichnet wurden, zählt der Altsaxofonist Rudresh Mahanthappa. Mit seinem Album "Kinsmen", das bei dem New Yorker Indie-Label Pi Recordings erschienen ist, hat der Komponist und Bandleader jüngst ein neues Genre begründet: Indian American Jazz nennt er seine Zusammenarbeit mit dem Saxofonisten Kadri Gopalnath, der die karnatische Musik für das Saxofon übersetzte und es damit in seiner südindischen Heimat zu großer Anerkennung brachte.
Die Tradition, dass das erste Stück Ganesha gewidmet wird, hat Mahanthappa beibehalten: Weisheit und Intelligenz für die Künstler und Glück für das Konzert werden dadurch von der hinduistischen Gottheit erhofft. Was bei Mahanthappa zählt, ist ein visionäres kompositorisches Konzept, das den unterschiedlichen Musikerpersönlichkeiten und ihren jeweiligen Traditionen einen gemeinsamen Freiraum zaubert. Hier wird die Kraft für neue Klänge geschöpft. Dass er es mit dem Album für zwei Wochen auf Platz 50 der Amazon-Verkaufs-Charts schaffte, kam unerwartet und wird genossen, auch wenn der ökonomische Erfolg noch nicht nachhaltig ist.
Die Frage der ökonomischen Absicherung eines professionellen Jazzmusikerlebens stellt sich heute angesichts der aktuellen Marktentwicklung grundsätzlich anders als noch für die Generation zuvor. Der 34-jährige Trompeter Taylor Ho Bynum etwa zählt zu den Organisatoren einer neuen Musikerszene aus dem Umfeld des Saxofonisten Anthony Braxton, die sich während der Bush-Jahre im Brooklyner Stadtteil Williamsburg organisiert haben. Bynums gerade aktuelle CD "Positive Catastrophe" beschreibt er als ein selbstorganisiertes Wagnis, bei dem jeder kommerziell ausgerichtete Produzent abgewunken hätte. Zu hören ist eine grandiose elfköpfige Bigband, die eine Art freestyle-Salsa mit Referenzen an Sun Ra und Eddie Palmieri spielt und dabei einstige Genre-Grenzen mühelos ignoriert.
Man hat es hier mit jungen, gut ausgebildeten Musikern zu tun, für die ein ungewohnter Umgang mit den Traditionen selbstverständlich ist. Taylor findet es nicht ungewöhnlich, seine CDs selbst zu produzieren und die Liner Notes selbst zu schreiben. Ebenso selbstverständlich, sagt er, sei für seine Leute, dass man die künstlerische Tätigkeit mit regulären Jobs finanziert.