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Stella: Warme Künstlichkeit

Hamburgs nicht-proletarische Popvariante Stella überraschen mit einem leichten Album – auf Japanisch!

Thies Mynther von Stella
Thies Mynther von Stella
Foto: snowwhite

Es gibt in Hamburg eine schöne Tradition der musikalischen Mischszenen. Auch Postpunker, politisierte Indierocker und moderne Liedermacher haben sich stets für die Ausgehkultur interessiert. Für den Tanz, den Klub, lokal für die Reeperbahn und den Hafen. Die Goldenen Zitronen haben früh raue Elektronika eingesetzt, die Remixe von Tocotronic-Krachern sind legendär, Blumfeld warben ein, zwei Alben lang auch mit handgemachter Disco-Eleganz um die Pop-Intelligenz.

Nicht-proletarischer Pop

Solche städtischen Besonderheiten verschwinden vielleicht, weil die Musiker, wenn sie nicht in Berlin arbeiten, anderweitig mobil unterwegs sind. So auch die zum Trio geschrumpfte Gruppe Stella, der man die Hamburger Prägung dennoch gut anhört. Stella sind Thies Mynther, Mense Reents und Elena Lange – Hendrik Weber, der als Pantha du Prince für einige Techno-Furore gesorgt hat, ist nicht mehr dabei. Die verbliebenen Herren sieht man auch schon mal auf Theaterbühnen erlesene Live-Soundtracks dirigieren, Frau Lange studierte derweil in Japan Philosophie und dissertiert aktuell in Zürich.

Hamburg bedeutet immer auch High und Low, das Nebeneinander von Anspruch und Humor, die nicht-proletarische Variante von Pop also. Das Album „Fukui“ vereint das alles auf eine wunderbar leichte Art und Weise, die an die Freiheit von Krautrock, die Strenge von Neuer Klassik und doch immer auch an den Hüftschwung der Nacht erinnert. Stella verlassen hier jegliches Rockgewässer der drei vorherigen Alben und stechen in die weite See der gemeinsamen Komposition. Weil alles letztlich live eingespielt wurde, hören wir die Seltenheit eines vorwiegend elektronischen Albums, das dennoch nie überladen klingt.

Der Flügel spielt einfach Akkorde, aber rhythmisch auch mal etwas quer und öffnet so Räume, die Eletronik pflegt einen meistens zartwarmen Sound, der nur dann durchbrät, wenn es der Track verlangt. Und Elena Lange singt durchgehend auf japanisch – klare, ätherische Linien mit etwas bluesigem Strich in der zweiten Stimme. Lustig, wie diese, für westliche Ohren, künstlichen Klangmalereien schier organisch scheinen wollen. Wie das Knistern eines Lagerfeuers, das vom Band kommt, aber trotzdem seine beruhigende Wirkung hat – und in diesem effektiven Sinne vollkommen „echt“ ist.

Es gibt aber auch Nummern, die schneller zum Ziel kommen wollen. Die Nummer 8 etwa, sparen wir uns die japanische Transkription, ist ein toller Zwitter zwischen Dancefloor-Tempo, Vignetten von Euphorie-Signalen und kühlen Song-Vocals. Gegen Ende des Albums kommt einem die Wohnzimmerelektronik aber etwas bekannt vor. Die erste Hälfte ist dennoch die überraschendste, seltsamste, schönste Musik, sagen wir: deutscher Autoren bisher in diesem Jahr.

Autor:  Tobi Müller
Datum:  26 | 8 | 2010
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