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06. Juli 2011

Was den Musikgeschmack prägt: Jungendjahre und Hormone bestimmen Vorlieben

 Von Michael Rüsenberg

Die Tagung „Exploring the Mind through Music“ in Houston betrachtet den Abschnitt vom 12. bis zum 22. Lebensjahr als Ankerjahre musikalischer Nostalgie. Weltweit und interkulturell ruft dieser Lebensabschnitt die stärksten Erinnerungen wach.

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Zehn Spione, im vergangenen Jahr in den USA enttarnt, trafen sich nach ihrer Ausweisung in Russland mit Wladimir Putin. Auf die Frage, worüber er mit den Agenten geredet habe, sagte er: „Wir haben über das Leben gesprochen – und wir haben gesungen.“ In dieser Runde soll kein Auge trocken geblieben sein. Die Zuhörer in der Duncan Recital Hall an der Rice University in Houston glucksen fröhlich, sie haben (noch) keine Ahnung, dass David Huron diese Begebenheit als Einstieg in seine Oxytocin-Theorie dient.

Huron, 56, der an der Ohio State University lehrt, ist nicht nur der meistzitierte amerikanische Musikpsychologe, sondern ein Vortragstalent. Anekdotisches, die strenge Trennung zwischen Indiz und Beleg einer wissenschaftlichen Theorie, Beispiele ohne Ende machen seinen Vortrag zu einem Vergnügen.

Was also haben die Putin-Agenten gesungen? Den Titelsong einer Fernseh-Serie von 1968 über die Arbeit sowjetischer Spione in Deutschland während des Zweiten Weltkrieges. Er ist in Russland wohlbekannt und gilt als inoffizielle Hymne des Geheimdienstes. Der Song selbst interessiert Huron nicht, wohl aber der Lebensabschnitt, in dem die angehenden Agenten ihn kennenlernen: am Ende einer Altersspanne, die vom 12. bis zum 22. Lebensjahr reicht. Sie ist auch als „reminiscence bulge“ bekannt, als Erinnerungskurve. Weltweit und interkulturell ruft dieser Lebensabschnitt die stärksten Erinnerungen wach. Es sind die Ankerjahre musikalischer Nostalgie.

Putins Männer fallen ihr ebenso anheim wie der greise Yale-Professor Alan Forte, der, nach Jahrzehnten der Forschung über klassische Musik, als Spätwerk „The American Popular Ballad of the Golden Era 1924–1950“ vorlegt. Und Huron enthüllt genüsslich, wie alt Forte am Ende jener goldenen Zeit war: 24 Jahre.

Warum aber wurzeln die unterschiedlichsten Vorlieben ausgerechnet in dieser Lebenszeitspanne? Huron vermutet eine Ursache in der Ausschüttung des Hormons Oxytocin, die vermehrt in diesen Jahren geschieht: beim Stillen, aber ebenso bei der Festigung sozialer Beziehungen und der Speicherung von Erinnerungen. Schon zehn Sekunden Umarmung mit einem geliebten Partner erhöhen demnach den Oxytocin-Spiegel erheblich. Die vielen Indizien sind für Huron bestenfalls „smoking guns“. In Houston skizzierte er den Rahmen einer kommenden Studie, bei der die Oxytocin-Theorie am Beispiel stillender Mütter untersucht werden soll: eine Gruppe mit kurzer, die andere mit langer Stillzeit, beide sollten Top-40-Radiostationen gehört haben; der Nostalgie-Effekt sollte bei ersteren größer sein.

Vielleicht in weiser Vorahnung hatten die Veranstalter anderentags die Reihenfolge zweier Redner ausgetauscht. Nach David Eagleman, wie geplant, wäre die Darbietung von Casey O’Callaghan noch dünner erschienen. Der Philosoph hat zwar eine luzide Studie über „Sounds“ publiziert (wonach Klänge nicht Eigenschaften von schwingenden Materialien sind, sondern eigenständige Ereignisse). Er begnügte sich nun aber damit nachzuweisen – was man ohnehin ahnte –, dass die Einteilung der Künste in jene uni- und solche multi-modaler Wahrnehmung wenig Sinn mache.

Manche Augen, die dabei zufielen, waren wieder offen, als David Eagleman vom Baylor College of Medicine mit Mikrofon und Leuchtstift Besitz von der Bühne ergriff. Das Thema des Neurowissenschaftlers ist die Synästhesie, das gleichzeitige Auftreten zweier Arten der Sinneswahrnehmung, hier Musik und Farben. Auf vier Prozent der Bevölkerung trifft das zu, rudimentär aber ist es bei allen Menschen vorhanden. So werden die Wörter „kiki“ und „buba“ weltweit mit eckigen (kiki) und runden (buba) Formen assoziert.

Synästhesie beruht auf einem erhöhten Austausch zwischen Hirnarealen. Synästhetiker muss man sich als Individualisten der Wahrnehmung vorstellen, unter denen zwar Trends auszumachen sind, aber auch völlig gegenläufige Einstellungen, deren Ursachen unklar sind. Eagleman hat im Internet ein sehr effektives Untersuchungsinstrument installiert, die „Synästhesie-Batterie“ (www.synesthete.org), sie erlaubt mit Hilfe eines Farbmischers sehr differenziert, der individuellen Farbwahrnehmung Töne zuzuordnen. Dabei zeigt sich u.a., dass Synästhetiker Akkorde nicht nach ihrer Komplexität einstufen, sondern nach ihrem Grundton.

Die veranstaltende Shepherd School Of Music hatte sich für diese Tagung weit aus dem Fenster gelehnt, ist sie doch lediglich ein Konservatorium auf dem Campus der Rice University in Houston, Texas. Ihr Konzept, von einer reinen Wissenschaftler-Tagung abzusehen und diese vielmehr mit Musikern und Komponisten zusammenzuführen, ist aufgegangen. Vormittags trafen die Wissenschafts-Stars in Arbeitssitzungen zusammen mit dreißig Fellows, die bis aus Umea in Nordschweden und Tel Aviv um einen Platz sich beworben hatten. Bis zur Erschöpfung einzelner wurde der Austausch von Wissenschaftlern und Musikern betrieben, auf einer Bandbreite von Anmerkungen zu Elton John („I’ve seen him write songs in the time it’s taken me to make a sandwich“) bis zur „neuralen Dynamik der Wahrnehmung von Beat“, wonach das Empfinden eines Beats, etwa beim Tanzen, eine Eigenleistung des Gehirns ist, die mit dem Sprachvermögen zusammenhängt und nicht mit dem Metrum übereinstimmen muss.

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