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Neue Musik: Was möglich wäre

„Innenleben“ ist der Versuch, eine Oper zu denken, die das Theatrale ernst nimmt - eine Oper, die sich als lebendige Kunstform begreift. Im Bockenheimer Depot sind die Töne des jungen Komponisten Calogero Scanio zu hören.

Der deutsch-sizilianische Komponist Calogero Scanio.
Der deutsch-sizilianische Komponist Calogero Scanio.
Foto: Calogero Scanio

Schwere Trommelschläge weisen den Weg. Man folgt dem Ohr, läuft durch das Bockenheimer Depot, das in verschiedene frei zugängliche Spielorte aufgeteilt ist. Man hört Töne des jungen Komponisten Calogero Scanio, reduziertes, genaues Material. Auf einer kleinen Bühne bewegt sich ein Mann, eine Alltagssituation, ein Ausschnitt aus dem Leben des Asylbewerbers Marcus Omofumas, der 1999 bei seiner Ausweisung aus Österreich starb. Polizisten hatten ihn mit Klebeband gefesselt. Omofumas erstickte.

Die Episode „Illegal 1“ ist noch nicht zu Ende, da dringen aus einem anderen Eck andere Töne Scanios. Eine neuer Theaterraum, diesmal die kleine gläserne Eingangshalle, in der ein paar Musiker eine Tänzerin umrahmen. So geht es weiter. Der Abend, knapp 80 Minuten, behauptet keine lineare Erzählung, sondern nähert sich in acht Episoden dem Thema Flucht, Asyl, Verfolgung.

Es ist kein gewöhnlicher Abend, schon gar nicht für die Oper, jene seit Jahrhunderten unmögliche Kunstform, die sich so oft so schwer tut, in der Gegenwart anzukommen. „Innenleben“, so der Titel dieser, ja: Musiktheaterausstellung, ist der Versuch, eine Oper zu denken, die das Theatrale ernst nimmt. Eine Oper, die sich als lebendige Kunstform begreift und nicht bloß als eine museale Abspielplattform.

Wahrscheinlich muss man außerhalb des Betriebs stehen, außerhalb der Fragen nach Abonnementtauglichkeit und Traditionen, um sich solche Freiheit leisten zu können. „Innenleben“ ist das Produkt der Akademie Musiktheater heute, in der junge Dramaturgen, Komponisten, Regisseure, Dirigenten, Bühnenbildner und Kulturmanager zwei Jahre lang vernetzt, gefördert und zu intensiver Zusammenarbeit angeregt werden. Neue Wege sollen da erprobt werden, im geschützten Raum einer (von der Deutschen Bank Stiftung finanzierten) Akademie. Ein schöner Gedanke.

„Traditionen sind zäh“, schreibt der Regisseur und Aufbrecher Peter Konwitschny in einem Grußwort, „besonders offenbar die schlechten. Was tun? Da hilft nur eins: Es müssen bessere Regisseure ran, offenere Musiker, wissendere Organisatoren.“ Er weiß, wovon er redet. Konwitschny rennt seit Jahren auf die Barrikaden, zertrümmert, schafft neu. Und auch „Innenleben“, der von der Oper Frankfurt unterstützte Abschlussabend des Stipendiatenjahrgangs 2008–2010, ist nicht von der Lust nach Verweigerung getragen, sondern von der Idee großer Freiheit. Für die Musik. Die Bühne. Den Betrieb. Und den Zuschauer.

„Innenleben“ jedenfalls zeigt, was möglich wäre. Sehr präzise angeordnete, konzentrierte Situationen, denen wir uns aus einem frei wählbaren Blickwinkel stellen. Geschaffen von einem Kollektiv, das, wenn die Idee aufgeht, bald die Zukunft der Oper mit bestimmt. Das lässt hoffen.

Autor:  Tim Gorbauch
Datum:  11 | 10 | 2010
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