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Musik

24. Dezember 2012

Weihnachtshits: Lauter die Kassen nie klingeln

 Von Jochen Knoblach
George Michael landete 1988 mit Wham!-Kollege Andrew Ridgeley den Weihnachtshit schlechthin. Foto: Getty Images

Seit Wham! "Last Christmas" konservierte, ist Weihnachten jedes Jahr auch blond, geföhnt und in vier Vierteln getaktet. Es zeigt sich, dass ein Weihnachtshit noch immer die beste Form der Altersvorsorge ist.

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Lametta, Thomaner-Chor und Tannengrün. Ewig klemmte das Weihnachtsfest zwischen den Traditionen. Doch seit das britische Gesangsduo Wham den Viereinhalb-Minuten-Song "Last Christmas" samt dazu gehörigem Videoclip konservierte, ist Weihnachten auch blond, geföhnt und in vier Vierteln getaktet. Der Pop hatte das christliche Fest erobert und der Generation MTV den Soundtrack zur Lebkuchenzeit geliefert. Und seither ahnt man zudem, dass sich mit einem Weihnachtslied recht gut verdienen lässt. 

Dabei taugte die Weihnachtszeit freilich auch im Musikbusiness schon immer für ein gutes Geschäft. "In den Monaten November und Dezember macht die deutsche Musikindustrie rund ein Viertel ihres Jahresumsatzes", weiß Andreas Leiston vom Bundesverband der Musikindustrie. Zuletzt ging es dabei um einen Jahresvolumen von rund 1,5 Milliarden Euro, wobei allein die CD-Verkäufe 1,1 Milliarden Euro einspielten. Der Silberling ist also längst nicht tot, schon gar nicht als Geschenk. In einer von der Unternehmensberatung Ernst & Young ermittelten aktuellen Weihnachtswunschliste der Deutschen rangiert die CD jedenfalls auf Platz sechs. Lauter die Kassen nie klingeln.

Keinen neuen Hit zur Hand? Einfach recyclen!

Da hat also der gute Karten, der in der Vorweihnachtszeit einen Hit platzieren kann. Wenn nicht, kann mit bekanntem Liedgut nachgeholfen werden. Rod Stewart etwa, dessen Autobiografie gerade erst in die Auslagen kam, lieferte pünktlich zum Fest eine CD mit Weihnachtsklassikern und damit die Scheibe zum Buch. Michael Bublé, kanadischer Jazzer, platzierte bereits im vergangenen Jahr mit "Christmas" einen  Album-Erfolg, der ihn und seine Plattenfirma dazu verführte, in diesem Jahr eine recycelte Version unter dem Namen mit "New Edition" nachzulegen. Und selbst die zum Genre "Stille Nacht" eher distanzierten "Toten Hosen" konnten der Weihnachtsversuchung nicht widerstehen. 1998 brachten sie unter dem Pseudonym "Die Roten Rosen" das Album "Warten aufs Christkind" auf den Markt und waren damit durchaus erfolgreich.

"Insgesamt konnten bislang über eine halbe Million Stück des Albums verkauft werden", sagt Patrick Orth, Chef des bandeigenen Plattenlabels "Jochens kleine Plattenfirma", kurz: JKP. Mittlerweile, so Orth, könne die Band von den CD-Verkäufen ganz gut leben. Das glaubt man gern, zumal die Düsseldorfer Punkband ein gut geführtes Unternehmen ist, das so ziemlich alles im Geschäft selbst und unabhängig abwickelt. „Früher bekam die Plattenfirma 85 Prozent und wir 15. Jetzt ist es umgekehrt“, wurde Band-Manager Jochen Hülder einmal zitiert. Somit dürfte für die Band pro verkauftem 16-Euro-Album deutlich mehr übrig bleiben als die üblichen 1,60 Euro für den Interpreten und 60 Cent für den Autoren. Doch auch das sollte sich lohnen. Michael Bublés Weihnachtsalbum steht jedenfalls in dieser Woche an der Spitze der deutschen Album-Charts. Rod Stewart rangiert mit "Merry Christmas" immerhin auf Platz 37.

Ausgesorgt dank jährlicher Tantiemen

Das Weihnachtsgeschäft kann sich also lohnen. Ein Hit zum Fest ist dabei hilfreich. Im Idealfall kommt alles zusammen: die Weihnachtszeit und der Weihnachtshit. Die Perfektion ist erreicht, wenn der einmal geschriebene Song alle Jahre wieder in den Charts nach oben klettert und Tantiemen bis ins hohe Alter sichert.  Allerdings sind solche Evergreens zum Tannengrün ebenso rar wie einträglich: Mariah Careys "All I Want For Christmas Is You" gehört ebenso dazu wie "Wonderful Dream" von Melanie Thornton, "Driving Home für Christas" von Chris Rea, "Merry Christmas" von Slade und natürlich Wham.

So setzt sich der Preis einer CD zusammen. Foto: VUT/BVMI

George Michael, Gründungsmitglied des  von 1981 bis 1986 bestehenden Popduos, darf seit "Last Christmas" als Großverdiener im alljährlichen Weihnachtsgeschäft gelten. Allein hierzulande war der 1984 veröffentlichte Song insgesamt 102 Wochen in den Single-Charts vertreten. Seit 1997 ist er Jahr für Jahr jeweils im Dezember unter den Top-100 zu finden und in den seit 1953 geführten ewigen Single-Charts von Media Control, für die sämtliche Downloads und Plattenverkäufe in Deutschland ausgewertet werden, ist der Wham-Hit auf Platz fünf gelistet, während es etwa Abba mit "Dancing Queen" dort nur auf Platz 82 schaffte. Damit ist "Last Christmas" hierzulande der meistverkaufte Weihnachtssong aller Zeiten. Aktuell rangiert der Titel in den britischen Verkaufscharts auf Platz 27. In Deutschland belegt er Rang 26.

George Michael  verdient an jeder verkauften CD und an jedem Download. Im Schnitt sind es etwa 15 Prozent des Verkaufspreises. Insgesamt hat er bislang rund 100 Millionen Platten verkauft.  Welchen Anteil "Last Christmas" daran hat, will die Plattenfirma Sonymusic nicht verraten. Wie absolute Zahlen dort generell als Betriebsgeheimnis gelten. Sicher ist aber, dass George Michaels Tantiemen-Taxameter quasi pausenlos rotiert. Schließlich hat der Wham-Gründer als Interpret, Komponist und Texter von "Last Christmas" sämtliche Rechte an dem Song, und er kassiert, wenn der Song oder einer der unzähligen Coverversionen im Radio, im Kaufhaus oder als Pausenmusik in einer Telefonwarteschleife läuft.

Auch alle Jahre wieder: Mariah Careys All I Want For Christmas Is You.
Auch alle Jahre wieder: Mariah Careys "All I Want For Christmas Is You".
Foto: Sony Music

Vor allem das Radio ist lukrativ. Bezahlt wird nach einem komplizierten System , das unter anderem auch zwischen privatem und öffentlich-rechtlichem Hörfunk unterschiedet. Wird "Last Christmas" im Hörfunk der ARD gesendet, bekommt der Komponist nach Auskunft der Verwertungsgesellschaft Gema  6,25 Euro und der Texter noch einmal 3,75 Euro.  Da Michael beide Rollen spielt, kassiert er zehn Euro, wenn der Song im Radio läuft, und darüber hinaus gibt es für den Interpreten noch einmal 0,45  bis 1,30 Euro.

George Michael holt auf Bing Crosby auf

Da kommt einiges zusammen. Schätzungen zufolge soll "Last Christmas" in besten Zeiten bis zu 500 Mal gesendet worden sein. Am Tag. Das mag übertrieben erscheinen, ist es bei einem Netz von rund 400 Radiosendern allein in Deutschland nicht zwingend unvorstellbar. In den sogenannten Airplay World Official Top 100 jedenfalls, für die ständig die Sendeprogramme von 2650 internationalen Radiosendern analysiert werden, wird "Last Christmas" in dieser Woche auf Rang 30 gelistet.

Für George Michael kann es nun Jahr für Jahr so weiter gehen, um vielleicht irgendwann einmal mit Bing Crosby gleichzuziehen. Dessen "White Christmas" von 1942 ist mit weit mehr als 50 Millionen Platten nach Elton Johns "Candle In The Wind" weltweit die meistverkaufte Single aller Zeiten. Bing Crosbys Erben haben davon aber schon lange nichts mehr, da die Rechte des Interpreten 50 Jahre nach Uraufführung des Titels erlöschen.

Dafür können die Nachfahren des Komponisten Irving Berlin weiter profitieren. Denn die Urheberrechte bestehen bis 70 Jahre nach dem Tod des Komponisten. Berlin starb 1989 im Alter von 101 Jahre in New York. George Michael gerade mal 49.

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