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Schillertheater Berlin: Weißt du, was das soll?

Bloße Illustration: Guy Cassiers mit Richard Wagners wogender „Walküre“ im Berliner Schillertheater. Das Schlimmste aber sind die Kostüme von Tim van Steenbergen. Von Graugrün bis Schwarz changierende Monstergewänder müssen die Sänger am Körper dulden.

        

Will am Ende nur das Ende: Wotan (René Pape).
Will am Ende nur das Ende: Wotan (René Pape).
Foto: Monika Rittershaus

Die Vorschrift ist ernst zu nehmen. „Stürmisch“ verlangt der Komponist das d-Moll-Vorspiel zum ersten Aufzug, und das mit triftigem Grund. Denn was in mächtig auftrumpfenden Schritten der tiefen Streicher und einem Sextolenwirbel des restlichen Orchesters sich ankündigt, erzählt ja die Geschichte eines Inzests.

Wo aber die Götter im Spiel sind, und wo der Komponist Richard Wagner heißt, muss man wohl ein Auge zudrücken. Geht es doch um die Nachfolgeregelung im Hause Walhall. Zu diesem Zweck hat Wotan mit einer Menschenfrau das vielleicht berühmteste Geschwistergespann der Musiktheatergeschichte gezeugt: Siegmund und Sieglinde, er heldischer Tenor, sie dramatischer Sopran. Kein Wunder, wenn die Hütte lichterloh brennt.

Der Maestro lässt es dampfen

Hier freilich tut’s vornehmlich der Graben. Dort steht, bei der Berliner Premiere der „Walküre“ (eine Koproduktion mit der Mailänder Scala, die das Recht der ersten Nacht erhielt), Daniel Barenboim am Pult der Staatskapelle Berlin, und heizt dem Orchester ein. Dampfen muss es, meint der Maestro, glühen, schäumen, krachen, und lodern eben. Man kann darüber streiten, ob ein Hauch Klangwolke weniger einen Hauch mehr Klarsicht bedeutet hätte. Doch der Effekt ist enorm, weil verständlich ist, dass alle Bedenken über das, was Sieglinde und Siegmund tun, über den katholischen Haufen geworfen werden müssen, damit das Undenkbare denkbar wird. Und das wäre durchaus glaubwürdig, wenn nicht auf der Bühne etwas stattfinden würde, das in Zeiten ausgeklügelten Regietheaters eigentlich nicht mehr passieren darf.

Wie schon im „Rheingold“, setzt der flämische Regisseur Guy Cassiers, der gemeinsam mit Enrico Bagnoli das Bühnenbild ersonnen hat, auf üppige Illustrationen. Nicht selten an diesem fünfeinhalbstündigen Abend wähnt man sich in einem dreidimensionalen Kino bei einer Aufführung von „Star Wars 7“ oder so. Es flimmert, rauscht, wabert. Aber es wagnert zu wenig. Um die Zeitlosigkeit des Stoffes herzustellen, wäre es zwingend nötig, sich um die Feinzeichnung der Charaktere zu kümmern oder darum, wie man dem opernimmanenten gestischen Gehabe entkommen kann, was ja besonders im „Ring“ stetig droht, weil hier alles drei- bis viermal erzählt wird.

Siegfried gerät nicht außer sich

Cassiers kümmert es wenig. Er kreiert Kunstwerke aus Licht und Farben und Dunkelheit und zitiert dabei munter die Kunstgeschichte. Die Sängerdarsteller lässt er im Stich. Die ringen die Hände (Verzweiflung!), greifen sich immer wieder ans Herz (Gefühlsüberschuss!), rennen planlos nach links, rechts, vorne oder hinten (kann ich, darf ich nicht?), und wissen nicht, wie ihnen geschieht.

Gute „Walküre“-Inszenierungen haben vor allem das Außergewöhnliche der Konstellation Sieglinde/Siegmund herausgearbeitet, haben die Abseitigkeit der Beziehung beglaubigt. Anja Kampe, die über ein üppiges, strahlendes Organ und in der Höhe fabelhaft sichere Stimme gebietet, und der zunehmend kraftlose Simon O’Neill finden indes nicht zueinander. Sie üben sich in Opernausdrücken, schauspielerisch so steif, dass man sich fragt, ob hier von Liebe die Rede geht oder von einer Waschsalonbekanntschaft. Spätestens bei „O süßeste Wonne, seliges Weib“ müsste doch Siegmund endlich außer sich geraten. Aber was tut er? Er greift der drallen Blondine in den Arm. Mein lieber Herr Gesangsverein.

So geht es nicht. Und das gilt auch für den Rest. Videogemälde und -effekte, wie artistisch sie auch sein mögen (und das sind sie, für sich genommen), ersetzen keine innere Wirklichkeit, führen von der Essenz des Stoffes nur weg. Auch die Weltkugel, die bis zu Wotans Satz „Nur noch eines will ich, das Ende“ über den Sängern kreiselt (will sagen: das Ende der Geschichte ist gekommen, Fukuyama hatte wohl doch Recht), vermag hier keine Plausibilität zu erzeugen. Sie stört eigentlich nur.

René Pape singt fantastisch

Das Schlimmste aber sind die Kostüme von Tim van Steenbergen. Von Graugrün über Anthrazit bis Schwarz changierende Monstergewänder müssen die Damen und Herren Sänger am Körper dulden; warum, weiß nicht mal Wotan. Und der weiß ziemlich viel, etwa, dass Verträge heikel sind, mindestens so heikel wie zänkische Ehegattinnen. Ekaterina Gubanova spielt das überzeugend, ihre Stimme klingt leider ein bisschen arg wattiert. René Pape aber, der darunter leiden muss, singt wirklich fantastisch. Weil er den Text singt, nicht seine vokalen Wölbungen. Weil er den Firlefanz um sich herum weitgehend ignoriert.

Mit seiner Präsenz verbindet sich auch die einzige wirklich psychologisch tiefsinnige Szene. Sie spielt am Schluss. Brünnhilde (Iréne Theorin mit sehr metallischem und sehr dramatischem Organ) ist bestraft, so dass sie um Milde nachsucht beim Vater. Der willigt ein und sorgt dafür, dass sie von Feuer umschlossen wird. Und dann, nach leisem Zögern, geht er zu ihr und umarmt sie: inniglich. Na also. Warum nicht gleich so?

Staatsoper Berlin im Schillertheater: 22., 25. April. www.staatsoper-berlin.de

Autor:  Jürgen Otten
Datum:  18 | 4 | 2011
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