Das Konzert des Rheingau Musik Festivals zur Winterszeit in der Alten Oper ist so etwas wie Nachklang der vergangenen und Vorgeschmack der kommenden Saison: Diesmal waren die Wiener Philharmoniker unter Lorin Maazel zu Gast und bescherten mit Bruckner und Strawinsky zwei Komponisten, die den rituellen Charakter von Musik stark machen: Wiederholung als Steigerung, Penetranz als Rausch, sich türmende Klangkuben, Gesten der Anbetung und Zerknirschung - alles weit weg von kompositorischer Maßhaltigkeit.
"Le sacre du printemps", Strawinskys neo-archaisches Meisterwerk, erschien unter den Händen Maazels wie eine Addition aus "Feuervogel" und "Petruschka". Die impressive Farbigkeit der im Gefieder gefangenen Prinzessin, die Brutalität des Zauberers Kastchei und die arme Petruschka-Puppe, die im Jahrmarktstrubel erschlagen wird - das Frühlingsopfer war eine transparente Klangbilderwelt, die ansonsten immer in Rhythmusberserkerei versteckt bleibt. Das Orchester glänzte ebenso bei den üppigen Farbflächen, die Maazel dem Stück entlockte, wie in den strahlend-düsteren polyphonen Mechanismen der Opferhandlung.
Bruckners Ritualität ist dagegen weniger kalkuliert und artistisch, aber so aufs Kolossale gerichtet, wie Maazel die Klangregister der Wiener Menschenorgel bei der dritten Sinfonie zog, lag deutlich "Sacre"-Stimmung in der Luft. Langsamer, schwerer und mit stärkeren agogischen Setzungen als in seiner legendären Platten-Aufnahme aus den 60er Jahren mit dem RSO Berlin, war die Synthese aus Präzision und Inbrunst in cinemascopischem Breitwandformat gemildert - mit superben Streichern und manchmal etwas zähen Holzbläsern. (usk)