Vom Rad verlangt es zwar schon länger keiner mehr. In der Popmusik allerdings gilt das Sichneuerfinden geradezu als Grundvoraussetzung für eine längerfristige Karriere. Madonna macht’s deswegen regelmäßig. Aber selbst die Großmeisterin des radikalen Stil- und Imagewechsels kann nicht mithalten mit dem Neuanfang, den Plan B gerade hingelegt hat.
Der Londoner Musiker, der eigentlich Ben Drew heißt, wurde vor vier Jahren als jugendlich-wütender Rapper bekannt, der Reime ausspuckte, in denen er die dunklen Seiten des Lebens sezierte. Danach versuchte er sich mit einigem Erfolg als Schauspieler. Nun, mit 26 Jahren, steckt Drew plötzlich in einem schicken Anzug, spielt auf seinem zweiten Album „The Defamation of Strickland Banks“ mitreißenden Soul und singt wie ein Engel.
Plan B: „The Defamation of Strickland Banks“ (Atlantic/ Warner).
Deutschland-Tournee im November
Sicher, den Sound aus den für das Genre goldenen Sechziger Jahren zu reaktivieren, ist spätestens seit dem Erfolg einer gewissen Amy Winehouse keine allzu einzigartige Idee mehr. An deren Retro-Soul, der liebevoll noch jedes Staubkorn in der Vinylrille nachstellt, aber genau deshalb immer ein wenig zu glatt poliert wirkte, erinnert die neue Inkarnation von Plan B allerdings nur bei oberflächlichem Hören.
Als gäbe es kein Morgen
Nicht nur, weil hier ein Mann singt, nicht nur, weil sich dann doch manchmal die Vergangenheit Bahn bricht und Drew zu rappen beginnt. Nein, vor allem deshalb, weil dazu die Bläser donnern und die Streicher jubilieren, als gäbe es kein Morgen, weil die klassischen Modelle von Motown oder Stax, von Smokey Robinson und Marvin Gaye, nicht zusammen mit ihrer Patina kopiert werden, sondern weil auf diesem Album sehr erfolgreich nachempfunden wird, wie aufbauend, optimistisch und tanzbar, wie euphorisch und zugleich tröstend der Soul damals in seiner größten Zeit gewesen sein muss.
Wenn Ben Drew ein Archäologe ist, der eine versunkene Zeit mit viel Liebe entstaubt und rekonstruiert, damit wir sie noch einmal wiedererleben können, dann betreiben Amy Winehouse und ihre Epigonen vor dem Museum eine Bretterbude, in der sie künstlich gealterte Imitate der Ausstellungsstücke loszuwerden versuchen, die man als Souvenirs nach Hause tragen soll.
Ganz nebenbei ist „The Defamation of Strickland Banks“ auch noch ein Konzept-Album, ein, wie Teilzeitschauspieler Drew ihn nennt, „Film für Blinde“. In den dreizehn Songs erzählt er aus der Ich-Perspektive die hochmoralische Geschichte des fiktiven Soulsängers Strickland Banks, der hoch fällt und tief stürzt, zuerst berühmt wird mit schmalzigen Liebesliedern, aber schließlich im Knast landet für ein Verbrechen, das er nicht verübt hat.
Böse Worte
Dort, im Gefängnis, spielt die zweite Hälfte des Albums, Strickland Banks lernt umzugehen mit der Ersatzwährung hinter Gittern („Traded In My Cigarettes“) und seinen Ängsten („Darkest Place“). Ursprünglich sollte „Strickland Banks“ sogar ein Doppel-Album werden, ergänzt mit einer zweiten CD, auf der Drew, dann wieder als Rapper, den Alltag seines Protagonisten beschreibt. Da hatte die Plattenfirma aber etwas dagegen: Man fürchtete zusätzliche Marketing-Probleme.
Die hat man ja eh schon aufgrund des dramatischen Stilwechsels. Weswegen sich Drew, der als 15-Jähriger von der Schule flog, weil er einen Lehrer mit einem Stuhl beworfen hatte, alle Mühe gibt, jenseits von Strickland Banks weiter den wütenden Rapper zu geben. In Interviews erzählt er gerne detailliert, wohin sich jene verpissen sollen, die seine erstaunliche Mutation nicht gutheißen. Zumindest was die Wortwahl angeht, lässt die Neuerfindung von Ben Drew also noch auf sich warten.