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Yasmina Rezas "Der Gott des Gemetzels": Die Gezähmten und die Wilden

Die Zivilisation ist nur Firnis: Yasmina Rezas "Der Gott des Gemetzels" von den Frankfurter Tagträumern. Von Felix Ehring

Wenn Deutsche versuchen, sich als Franzosen auszugeben, wirkt das oft seltsam und unglaubwürdig. So ist es auch anfangs in "Der Gott des Gemetzels", einem Stück der französischen Dramatikerin Yasmina Reza, mit dem die Theatercompagnie Tagträumer jetzt im Frankfurter Gallus-Theater Premiere hatte. Nicht zuletzt passen französische Vornamen nun mal nicht zur deutschen Sprache.

Zwei Paare treffen aufeinander, zunächst mit arg distinguiertem Gehabe. Die Etikette geht zum Glück bald verloren. Die Überzeichnung der Figuren hat zunächst die Funktion zu zeigen, was für gute Manieren man hat. Einige Kunstbücher und eine afrikanische Holzfigur auf der sonst leeren Bühne weisen wunderbar ironisch darauf hin: Wir sind unter gebildeten Menschen. Sie wollen einen Streit ihrer Söhne klären, der den Spross von Véronique zwei Schneidezähne gekostet hat. Diese Véronique (Ingeburg Amode) grimassiert abschätzig, wenn ihr etwas nicht passt, sie insistiert und moralisiert und ist dabei so unsympathisch, dass man ihr nie außerhalb des Gallus-Theaters begegnen möchte. Sie prüft die Eltern des "Täters" auf ihre moralischen Werte und nervt bald auch ihren Mann, Michel.

Nicht nur Vätern und Müttern ist die 90-minütige Frankfurter Inszenierung von Veronika Brendel zu empfehlen. Die Figuren geben sich nach außen zivilisiert, legen aber nacheinander ihre Schwächen offen. Besonders die Frauen machen dabei Eindruck. Da stört es auch nicht, dass es nicht gerade originelle Charaktere sind, die hier warnende Beispiele abgeben: Der gewissenlose Karriereanwalt tritt gegen die Afrika-bewegte Autorin an.

Es wird viel geredet, gestritten, schwadroniert, die Konflikte entladen sich immer wieder und mit viel Witz. Die zweite Frau in der Runde, die Mutter des prügelnden Jungen, ist die zunächst beherrschte Annette (Petra Gomes). Es ist ihr eigener Mann, der sie schließlich dazu bringt, die Contenance zu verlieren. Und dann kommt er mit aller Kraft zum Vorschein: der Gott des Gemetzels.

Rezas 2006 uraufgeführtes Stück soll übrigens im kommenden Frühjahr verfilmt werden. Nun sitzt der vorgesehene Regisseur Roman Polanski jedoch in der Schweiz in Abschiebehaft.

Gallus Theater, Frankfurt: 14.-17. Januar 2010. www.gallustheater.de

Autor:  Felix Ehring
Datum:  30 | 10 | 2009
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