Der Brite Johnny Blake ist knapp 28, hat große Augen und das markante Gesicht dünner Menschen. Wenn der artige Popstar von den Strapazen des Reisens erzählt, meint er nicht Drogen und Alkohol, sondern lange Busfahrten. Blake singt und spielt Gitarre bei Zoot Woman, der modebewussten Band, die viele mit Stuart Price verbinden - der hat für Madonna ein Album und zwei Tourneen verantwortet. Doch Price ist zu beschäftigt, um mit Zoot Woman live zu spielen.
Deshalb kommt mir Johnny Blake in der Schalterhalle des stillgelegten Flughafens Tempelhof entgegen, Kulisse fürs Berlin Festival. Auch hier bezieht sich die aktuelle Popwelt mit Vorliebe auf die frühen bis mittleren Achtziger: wie überall sonst auch. Blake, Jahrgang 1981, sagt: "Stimmt, die Achtziger sind die neuen Sechziger.
"Früher waren es nämlich die sechziger Jahre, die in verschiedenen Revival-Phasen als Chiffre für eine Dekade der Sorglosigkeit gefeiert wurde. Was bedeutet es, wenn jetzt die Achtziger - das Jahrzehnt vor dem Durchmarsch des globalisierten Kapitalismus - als zentrale Referenz an die Stelle der coolen Sixties getreten sind? Historisch wackelt die nostalgische Rückbesinnung in beiden Fällen, weder die Sechziger noch die Achtziger waren besonders angstfreie Zeiten. Doch geschichtliche Genauigkeit ist gar nicht gewünscht. Es geht vielmehr darum, was diese Revival-Redensarten über die Lüste und Grenzen der Gegenwart erzählen.
Bananarama: "Cruel Summer", 1983
Mit seiner Einmannband Les Rythmes (sic!) Digitales leitete Stuart Price vor zehn Jahren das Achtziger-Revival ein, das in den Nullerjahren stetig an Stärke gewann. Erst hörte man die Synthiebässe und süßen Melodien auf ironischen Danceplatten, bald aber auch in rein nostalgischen Discos. Als Erkennungssignale von Produzenten wie Timbaland oder den Neptunes floss der Achtzigersound dann in den Mainstream von Hip-Hop und R&B. Gleichzeitig waren die Nullerjahre geprägt von Gitarrenbands, die sich ebenso nach den achtziger Jahren anhörten, bloß nach anderen. Nach jenen, die man in der Regel Post-Punk nannte. Ratlosigkeit stellte sich ein: Klingt jetzt auch Popmusik jeweils immer nur wie früher?
Kurz vor der endgültigen Entleerung von Pop-Begriffen wie "Achtziger" und "Post-Punk" wurde es diesen Sommer noch einmal interessant. Im Mai traten die zwei alten Herren der Pet Shop Boys mit einem tollen Album auf die klassizistische Pop-Bühne, dann warf Universal mit der jungen Sängerin La Roux geometrischen Synthiepop nach, und jetzt versprechen Zoot Woman neue Impulse.
Human League: "Don't You Want Me", 1981
Natürlich lösen auch diese drei Alben nicht das Problem, dass Popmusik die Zeit großer Innovationen hinter sich hat. Wichtiger als der Rekurs auf die "Achtziger", die in Wirklichkeit nie so fett, komplex und technoid klangen, wie sie hier vermeintlich wiederholt werden, erscheint die Rückkehr der Künstlichkeit. Gerade wenn Verunsicherungen in globale Ängste kippen, hat die Künstlichkeit im Pop Konjunktur.
Der so höfliche Johnny Blake von Zoot Woman atmet sichtbar auf, als ich ihm bedeute, seine Platte klinge keineswegs nur nach Achtzigerjahre. Dafür ist das Album mit dem lustigen Titel "Things Are What They Used To Be" (Alles ist so wie früher) viel zu stark von der geraden Viererpauke des Techno geprägt, dafür offenbart die Platte (in Deutschland ab 21. August, Snowhite/Universal) zu viele Klangschichten und zu viel Wucht in den Bässen. Johnnys erste Erinnerungen an das allgegenwärtige Jahrzehnt ist mit Musik verbunden, die im Vergleich fragil wirkt: "Das waren Platten von Bananarama oder Nik Kershaw, die ich mir schon als Knirps von fünf oder sechs Jahren gekauft habe. Vinyl-Singles kosteten damals nur 99 Pence!"
Blake, keine dreißig, entschuldigt sich für die Nostalgie. Dabei ist sie durchaus bedeutsam, im besten Sinne oberflächlich. Die von Blake genannten Pop-Produkte sind alle - mindestens frisurenmäßig - Wiedergänger des größten Rollendarstellers des Kunstrock: von David Bowie, jener aus den frühen Siebzigern. Seine Figur Ziggy Stardust lancierte er im Nachgang der Experimente von 1968, kurz vor der weltweiten Ölkrise.
Duran, Duran: "is There Something I Should Know, 1983
Bowie hatte der hyperkünstlichen Fiktion im Pop zu ihrem Recht verholfen, als die Konzertmaschine auf "echten" Rock oder solistische Selbstverwirklichung eingestellt war. Es ist kein Zufall, dass ein Pseudonym des Zoot-Woman-Bosses und Madonna-Söldners Stuart Price eine weitere Persona von David Bowie zitiert: Thin White Duke.
Der dünne, weiße Herzog ist nur ein weiteres Bild für die viel ältere Figur des Dandys, der in der Kunstgeschichte immer dann Dekadenz behauptet, wenn der Rest von Krise redet. Im England der achtziger Jahre galt das für kein Jahr stärker als für 1983. Maggie Thatcher brachte die Privatisierung eines ganzen Landes ins Rollen, Fabriken schlossen, Arbeiterstreiks gingen verloren. Und die Popmusik brachte einen synthetischen Entwurf nach dem andern hervor: Human League, ABC, Duran Duran. Die berühmte School of 83 ist eine Krisenklasse.
Der Dandy in Zeiten der Krise: Im Popkontext ist das immer das Gegenteil von Normalo-Rock, immer eine Reaktion auf Posen falscher Innerlichkeit. Doch der synthetische Sound des Sommers 2009 zeigt an einem zentralen Punkt Anschlussfähigkeit an die Raumschiffe des Popuniversums: Es geht um das klassische Songformat, das die Kunstpopper stärker pflegen als viele der jungen Gitarrenbands. Zoot Womans "Things Are What They Used To Be" bestätigt dies.
Zoot Woman: "We Can't Break"
Die sachte Kopfstimme von Johnny Blake und die discogeprüften Beats mögen noch so sehr Dance signalisieren: Hier werden Songs verpackt. Popsongs, wie der Auftritt von Zoot Woman in Berlin dann klar macht. Kühl und klebrig zugleich. Ohne ein Grinsen erklärt mir Johnny Blake: "Es geht jetzt nicht mehr darum, eine Modestrecke in einem Magazin zu kriegen. Sondern etwas mehr um die Musik." Künstlichkeit kommt am Ende doch von Kunst.