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Natur

30. Dezember 2011

Biodiversität : Das stille Sterben

 Von Steven Geyer
Das Przewalski-Pferd, ein mongolisches Wildpferd, war vom Aussterben bedroht.

Der Schutz der Artenvielfalt kommt nicht voran, 2011 sind unzählige Tier- und Pflanzenarten von der Erde verschwunden. Die Menschen haben ihnen den Lebensraum geraubt. Selbst grüne Technologie kann Tieren gefährlich werden.

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Der kleine Gesell zeigt sich selten öffentlich – und doch zog er im ablaufenden Jahr viel Wut und Spott auf sich: der Osmoderma eremita, im Deutschen Juchtenkäfer genannt.

Der vier Zentimeter große Baumhöhlen-Bewohner führte 2011 eindrucksvoll vor, wie schnell das vermeintliche Wohlfühlthema Naturschutz polarisiert, sobald es wirtschaftlichen Interessen einer Region oder eines Konzerns in die Quere kommt.

Als der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg jüngst trotz zustimmenden Volksentscheids die Bauarbeiten am Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 erneut auf Eis legte weil nicht geprüft worden war, ob der bedrohte Käfer gefährdet ist, schimpften viele Stuttgart-21-Befürworter wütend über „Naturschutz-Irrsinn“.

Tier- und Pflanzenbestand schrumpft weiter

Doch so alt die Debatte um Zusatzkosten durch Umweltschutz ist, so irreführend ist die Zuspitzung auf einen vermeintlich unwichtigen Käfer. Denn zerstört werden nicht Insektenfamilien, sondern deren Lebensraum – in dem jeweils Hunderte anderer Tiere und Pflanzen leben.

Dessen ungerührt ging im angeblich ergrünten Deutschland auch 2011 die Zerstörung der Wälder, Auen und des Grünlandes weiter: Trotz schrumpfender Bevölkerung wuchs die Siedlungs- und Verkehrsfläche zuletzt um mehr als 100 Hektar am Tag.

Rettung gelungen

Mit genug Geld, Glück und Engagement lässt sich das Artensterben aufhalten. Das zeigen diese positiven Entwicklungen:

Rückkehr nach Europa: Die Heimkehr des Luchses nach Mitteleuropa schritt 2011 weiter voran. In den vergangenen Jahrhunderten wurde er so rücksichtslos gejagt, dass er bereits Anfang des 20. Jahrhunderts in Mittel- und Südeuropa ausgerottet war. Neue Studien lassen auf zwei Dutzend Luchse im Bayrischen Wald und im angrenzenden Böhmerwald hoffen, die sich dort auch fortpflanzen.

Gelungene Wiederansiedlung: Nur zwei Mal gelang es bisher, in der Wildnis ausgestorbene Tierarten wieder anzusiedeln. Von der Antilope „Arabische Oryx“ (Oryx leucoryx) soll es wieder rund 1 000 freilebende Tiere geben. Die Antilope gehört jetzt nur noch zu den „gefährdeten Arten“. Und das seit 1969 durch Jagd und Lebensraumzerstörung als freilebendes Tier ausgerottete Przewalski-Wildpferd wurde seit 1998 in der Mongolei erfolgreich wieder angesiedelt. Die heute 300 Individuen gelten als „stark gefährdet“ und stehen unter strengem Schutz. Sie sind die einzigen noch verbliebenen Wildpferde der Welt.

Neue Schutzgebiete: In der südafrikanischen Region Kavango-Zambesi entsteht derzeit mit 444 000 Quadratkilometern das zweitgrößte Schutzgebiet der Erde. Den Erfolg solcher Schutzgebiete beweist die Ausweitung des Virunga-Biotops, das sich über die Staatsgrenzen Kongos, Ruandas und Ugandas hinweg erstreckt. Durch diesen Schritt und die Errichtung eines weiteren Nationalparks in Uganda wuchs in den vergangenen Jahren die Population der Berggorillas wieder an: Laut WWF gibt es heute wieder etwa 780 der fast ausgestorbenen Menschenaffen. Im Kampf gegen Lebensraumzerstörung und Wilderei bleibe Afrika aber auf europäische Hilfe angewiesen, betont der WWF.

Entsprechend fern bleibt das EU-Ziel, den Tier- und Pflanzenbestand wieder auf die Größe von 1975 zu erhöhen. Zurzeit ist er auf knapp 70 Prozent des damaligen Wertes geschrumpft. Dennoch scheiterte kurz vor der Weihnachtspause ein Antrag der Grünen im Bundestag, den Flächenverbrauch von 2020 an auf 30 Hektar am Tag zu begrenzen.

13 Millionen Hektar Wald zerstört

Im Rest der Welt läuft es nicht besser: Kurzfristige Wirtschaftsinteressen stechen den langfristigen Erhalt der Natur fast überall aus.

2011 gingen laut WWF weltweit rund 13 Millionen Hektar Wald verloren – 36 Fußballfelder pro Minute. Damit sei das Tempo der Abholzung zwar leicht gesunken, dennoch gefährde der Waldverlust den Fortbestand von 80 Prozent der Säugetier- und Vogelarten und sei die größte Bedrohung der Artenvielfalt.

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