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Natur

09. Januar 2013

Karibik Fischjagd: Jagd auf den Feuerfisch

 Von Kerstin Viering
Heimtückische Camouflage: Der Rotfeuerfisch erscheint seiner Beute wie ein harmloser Schwamm.Foto: imago/imagebroker

Er ist hübsch anzusehen, aber der Rotfeuerfisch ist nicht sehr beliebt: In der Karibik gehen Naturschützer mit Harpunen und Kochkunst gegen den schwimmenden Eindringling vor.

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Er ist hübsch anzusehen, aber der Rotfeuerfisch ist nicht sehr beliebt: In der Karibik gehen Naturschützer mit Harpunen und Kochkunst gegen den schwimmenden Eindringling vor.

Was macht man am besten mit einem Feuerfisch? Für Castro Perez gibt es darauf nur eine Antwort: „Essen!“ Das Fischrestaurant in Oranjestad, der Hauptstadt der Karibik-Insel Aruba, hat das dekorative Tier leider nicht auf der Speisekarte. Also muss man dem Leiter der örtlichen Naturschutzprojektes Aruba Reef Care einfach so glauben, wenn er von dessen kulinarischen Qualitäten schwärmt: „Egal, ob als Suppe oder gegrillt, die Viecher schmecken richtig gut.“

Das ist allerdings nicht der Hauptgrund, warum Castro Perez und seine Mitstreiter in jeder freien Minute auf Feuerfisch-Jagd gehen. In erster Linie versuchen sie, eine Invasion aufzuhalten. Denn eigentlich hat Pterois volitans, der Pazifische Rotfeuerfisch, in den Gewässern vor ihrer Insel gar nichts zu suchen. Erst im Jahr 2009 ist er dort zum ersten Mal aufgetaucht. Und seither macht sich der Räuber mit gewaltigem Appetit über die heimische Meeresfauna her. Nun wollen ihn die passionierten Taucher mit Harpunen und Kochkunst stoppen, bevor er sämtliche Korallenriffe leer- gefressen hat. Ein ehrgeiziges Unterfangen. Denn die Art gilt als einer der erfolgreichsten tierischen Invasoren der Welt.

Giftige Schönheiten

In den tropischen Meeren gehören Feuerfische wohl zu den spektakulärsten Erscheinungen. Ihr Muster aus rötlichen, bräunlichen und hellen Streifen sieht zwar auf den ersten Blick auffällig aus, zwischen den Korallen ihres natürlichen Lebensraums wirkt es jedoch wie ein Tarnanzug. Typisch sind außerdem die fächerförmigen Flossen. Die Stacheln der Rückenflossen enthalten bei den meisten Arten ein starkes Gift.

Unklarheiten gibt es rund um die Verwandtschaftsverhältnisse der Feuerfische. Mal gelten sie als eigene Familie, mal als Unterfamilie der Skorpionfische. Innerhalb der Feuerfische unterscheiden Biologen zwanzig Arten, die zwischen 12 und etwa 40 Zentimeter lang werden.

Zwei Arten aus dem Pazifik sind bisher vor der Ostküste der USA, vor Mittelamerika und in der Karibik aufgetaucht. Neben dem Pazifischen Rotfeuerfisch ist das der Indische Rotfeuerfisch Pterois miles. Letzterer soll auch schon im Mittelmeer vorkommen.

Dabei hatte sie bis in die 80er- Jahre keinerlei Anzeichen von Reiselust oder Ausbreitungstendenzen gezeigt. Wie seit jeher schwamm sie durch die Riffe und Lagunen des Pazifiks und begeisterte Taucher mit ihrem spektakulären Äußeren. Einen an die 40 Zentimeter großen Fisch mit auffälligem Streifendesign, der seine eleganten Flossen fast wie Federn spreizt, bekommt man schließlich nicht alle Tage zu sehen. Kein Wunder, dass sich auch Aquarianer rund um die Welt für die attraktiven Tiere begeistern. Und aus irgendeinem Aquarium in Florida müssen um das Jahr 1985 ein paar Feuerfische in den Atlantik entkommen sein.

„Wie das damals passiert ist, weiß niemand so genau“, sagt Castro Perez. Er vermutet, dass ein Aquarienbesitzer seine schwimmenden Hausgenossen loswerden wollte und sie einfach ins Meer geworfen hat. Nach einer anderen Theorie hat ein Hurrikan eines der gläsernen Gefängnisse zertrümmert und den Insassen die Freiheit geschenkt. Jedenfalls haben sich die Tiere dann im Rekordtempo im westlichen Atlantik, der Karibik und im Golf von Mexiko ausgebreitet. Mancherorts schwimmen dort heute bis zu 400 Feuerfische auf einem einzigen Hektar – fünf- bis 15-mal so viele wie in den ursprünglichen Lebensräumen des Pazifiks.

Gute Jäger

Weder Krankheiten noch Parasiten konnten diesen Siegeszug aufhalten. Und Feinde scheinen die Einwanderer in ihrer neuen Heimat auch kaum zu haben. Von den großen Zackenbarschen, die ihnen eventuell gefährlich werden könnten, haben Fischer nur wenige übrig gelassen. Und gegen viele andere Gegner hilft das starke Gift, das Feuerfische in den Stacheln ihrer Rückenflossen mit sich herumtragen. Umgekehrt sind die Feuerfische selbst äußerst erfolgreiche Jäger. „Oft verstecken sie sich unter Felsen und halten nur ihre Stacheln nach draußen“, hat Castro Perez beobachtet. „Wenn die sich im Wasser bewegen, sieht das Ganze ein bisschen aus wie ein Schwamm.“ Sobald sich kleinere Fische davon täuschen lassen und näher heranschwimmen, schnappt der lauernde Jäger blitzschnell zu. Sehr oft mit Erfolg. Jeden Tag frisst so ein Feuerfisch bis zu vier Prozent seines eigenen Körpergewichts an anderen Fischen und Krebsen. Sonderlich wählerisch ist er dabei nicht. Bei einer Untersuchung vor Mexiko fanden Forscher im Magen der Tiere die Überreste von 34 verschiedenen Fischarten, vor den Bahamas waren es sogar 50.

Die Opfer sind auf den gefräßigen neuen Nachbarn offenbar nur schlecht vorbereitet. Mark Albins von der Oregon State University hat herausgefunden, dass die Feuerfische im Atlantik schneller wachsen und die Bestände ihrer Beutetiere viel stärker beeinflussen als ein ähnlich großer einheimischer Raubfisch aus der Zackenbarsch-Verwandtschaft. Und etliche andere Studien in verschiedenen Regionen zeigen, dass die Bestände der Beutetiere parallel zum Siegeszug der Feuerfische massiv zurückgehen. Damit scheint das zu passieren, was Ökologen schon lange befürchtet haben: Die Neuankömmlinge verändern ganze Ökosysteme.

So leiden unter den Attacken auch Papageifische, Doktorfische und verschiedene andere Vegetarier, die im Riff eine wichtige Funktion erfüllen: Sie weiden die Algen von der Oberfläche der Korallenstöcke ab. Wenn aber die Feuerfische nicht mehr genügend schwimmende Gärtner übrig lassen, können die Gewächse die Korallen überwuchern. Neben den ökologischen drohen auch wirtschaftliche Schäden. Schließlich leben gerade in der Karibik zahlreiche Menschen vom Tauch- und Schnorchel-Tourismus. Und die meisten Urlauber wollen nun einmal den bunten Zauber eines Korallenparadieses genießen – und keine eintönige Feuerfisch-Welt.

500 Bienenstiche

Castro Perez kann das gut verstehen. Der begeisterte Taucher ist regelmäßig in den Riffen vor Aruba unterwegs. Und obwohl er all diese Korallen-Kunstwerke, Farbenspiele und bizarren Tiere schon so oft gesehen hat, lässt ihn die Faszination nicht los. Umso mehr stört ihn, was die Neuankömmlinge anrichten. „Bei einem Tauchgang haben wir an einer Stelle nur noch Feuerfische gesehen“, erinnert er sich. Grund genug, etwas zu unternehmen.

Zusammen mit ein paar Gleichgesinnten hat der Korallenfan eine Art Elite-Einsatztruppe zur Feuerfischbekämpfung gegründet. Mit Spezialharpunen macht sich das Taucherteam zwei bis drei Mal pro Woche auf die Jagd. „Wir brauchten dazu eine Sondergenehmigung, weil der Einsatz von Harpunen vor Aruba eigentlich verboten ist“, erklärt der Naturschützer. Davon abgesehen aber sei die Jagd auf die dekorativen Fische eigentlich kein Problem: „Sie bewegen sich kaum und lassen sich leicht erlegen.“ Nur vor den Giftstacheln müsse man sich in Acht nehmen, weiß der Experte: „Wenn man sich daran verletzt, tut das weh wie 500 Bienenstiche“. Von Schwellungen und Muskelkrämpfen, drohender Ohnmacht und möglichen Problemen mit dem Nervensystem mal ganz abgesehen. Sicherheitshalber verstauen die Feuerfisch-Jäger ihre Beute daher erst einmal in einem Plastikköcher. Bevor sie auf den Grill oder in die Suppe wandert, werden die Stacheln sorgfältig entfernt.

Genug für eine Mahlzeit kommt bei so einem Einsatz leicht zusammen. Im Durchschnitt holt das Team etwa 15 Feuerfische pro Tag aus dem Wasser, mit etwas Glück können es es auch schon mal mehr als 30 sein. Dabei konzentrieren sich die Riffschützer vor allem auf abgelegene Gebiete, in denen nur selten andere Taucher unterwegs sind. In den Touristenmagneten unter Arubas Tauchrevieren übernehmen dagegen meist die Begleiter von organisierten Tauchtouren den Kampf gegen die Plage. Und ab und zu veranstalten Castro Perez und seine Mitstreiter auch einen Feuerfisch-Wettbewerb, bei dem alle interessierten Taucher mitmachen können. Wer die meisten erlegten Tiere, das größte oder das kleinste Exemplar präsentieren kann, gewinnt einen Pokal.

Es gibt bisher kaum Untersuchungen darüber, was solche Aktionen tatsächlich gegen die gestreiften Eindringlinge ausrichten können. Ein Team um Thomas Frazer von der University of Florida berichtete kürzlich über einen Erfolg vor den Kaiman-Inseln. Jeweils im Abstand von ein paar Wochen hatten Taucher dort im Jahr 2011 an verschiedenen Stellen Feuerfische gefangen. Daraufhin schrumpften nicht nur die Bestände der giftigen Neuankömmlinge deutlich. Sie setzten sich auch zunehmend aus kleineren Exemplaren zusammen, die weniger Beute im Magen hatten.

Ob solche Veränderungen von Dauer sind, kann derzeit niemand so genau sagen. „Wir werden diese Tiere wohl nie wieder loswerten“, meint Castro Perez. „Aber wir scheinen die Sache in den Griff zu bekommen“. Na dann: Guten Appetit!

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