Natur

18. September 2012

Naturheilmittel: Tiere heilen sich selbst

 Von Kerstin Viering
Schimpansen bedienen sich in der Kräuterapotheke. Auch Tiere kennen Naturheilmittel. Sie essen haarige Blätter gegen Würmer, Tonmineralien gegen Durchfall oder konsumieren Alkohol gegen Pilze. 

Auch Tiere kennen Naturheilmittel. Sie essen haarige Blätter gegen Würmer, Tonmineralien gegen Durchfall oder konsumieren Alkohol gegen Pilze.

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So richtig gut kann das Grünzeug nicht schmecken. Die Blätter in den Schimpansen-Händen sind rau und haarig und kratzen vermutlich unangenehm in der Kehle. Das hindert die Tiere allerdings nicht daran, sie trotzdem ins Maul zu stecken und unzerkaut zu schlucken. Schließlich geht es hier nicht um Genuss, sondern um Medizin: Das wenig reizvolle Laub hilft gegen Darmparasiten – also runter damit!

Besonders Schimpansen, die in engem Kontakt zu ihren menschlichen Nachbarn leben, scheinen solche Kuren häufig nötig zu haben. Jedenfalls ist das Blattschlucken bei ihnen viel weiter verbreitet als bei isolierter lebenden Artgenossen, zeigt eine kürzlich erschienene Studie in der Fachzeitschrift American Journal of Primatology. Schimpansen wissen also recht genau, in welcher Situation ein bestimmtes Medikament helfen kann. Und mit diesem pharmazeutischen Know-how sind sie im Tierreich nicht allein. In letzter Zeit stoßen Biologen auf immer mehr Arten, die sich ihre eigenen Arzneien verschreiben.

Schimpansen-Apotheke ist gut erforscht

Gerade die Schimpansen-Apotheke ist dabei schon recht gut erforscht. Die Blätter für die pflanzlichen Wurmkuren liefern zum Beispiel oft die mit den Astern verwandten Korbblütler der Gattung Aspilia. Doch auch manche Schmetterlingsblütler, Eisenkrautgewächse oder Hibiskus-Arten kommen bei Parasitenbefall zum Einsatz. Die Tiere falten deren Blätter mundgerecht zusammen, schlucken sie unzerkaut hinunter und scheiden sie ebenso unversehrt wieder aus – oft zusammen mit einer eindrucksvollen Kollektion von Faden- oder Bandwürmern. Da diese Parasiten meist noch leben, beruht die Wirkung der Kräutermedizin wohl nicht auf pflanzlichen Anti-Wurm-Wirkstoffen. Vielmehr scheinen die rauen Blätter auf mechanischem Weg die Darmbewegungen anzuregen, wenn die Tiere genug davon fressen. Dadurch können die Würmer dann leichter ausgeschieden werden.

Wie aber kommt ein Schimpanse überhaupt darauf, so ein natürliches Abführmittel einzusetzen? Um das herauszufinden, haben Michael Huffman von der Universität im japanischen Kyoto und seine Kollegen in den letzten Jahren etlichen in menschlicher Obhut lebenden Schimpansen Blätter aus dem Medizinschrank ihrer wilden Artgenossen vorgesetzt. Auf dieses unbekannte, haarige Grünzeug reagierten die Tiere ganz unterschiedlich: Manche lehnten es ab, andere kauten und fraßen es wie jede andere Pflanze auch. Es waren aber immer einige dabei, die das Material spontan zu einer grünen Pille falteten und dann unzerkaut schluckten. Und diese Angewohnheit übernahmen nach und nach auch immer mehr ihrer Gefährten.
Offenbar haben zumindest manche Affen also durchaus einen angeborenen Hang zur Kräutermedizin, den sie durch Lernprozesse an andere Gruppenmitglieder weitergeben. Das geht sogar so weit, dass verschiedene Schimpansen-Gruppen ihre Blatt-Tabletten nach unterschiedlichen Mustern falten.

Für ihre neue Studie haben Michael Huffman und sein Kollege Matthew Mc Lennan von der Oxford Brooks University in Großbritannien die Schimpansen in Bulindi im Westen Ugandas unter die Lupe genommen. Dort leben die Tiere in kleinen Waldstücken, die wie Inseln mitten im Farmland liegen. Und das scheint ihnen gesundheitlich nicht besonders gut zu bekommen. Denn sie schlucken ihre pflanzlichen Abführmittel nicht nur das ganze Jahr hindurch, sondern auch noch ungewöhnlich häufig. Normalerweise stecken die unzerkauten Blätter vielleicht in einer oder zwei von hundert untersuchten Kotproben. In Bulindi dagegen wurden die Forscher im Durchschnitt in einem von zehn Haufen fündig. Das könnte daran liegen, dass die Tiere in engem Kontakt zu Menschen und ihrem Vieh leben – und entsprechend oft deren Parasiten aufschnappen. Vielleicht fühlen sich die Schimpansen durch die enge Nachbarschaft auch gestresst und sind daher besonders anfällig für Infektionen.

Tierische Kohletablette

Außer mit Pflanzenteilen wissen Tiere aber auch mit anderen medizinisch wirksamen Substanzen etwas anzufangen. Die Waldelefanten im Schutzgebiet Dzangha-Sangha in der Zentralafrikanischen Republik zum Beispiel fressen regelmäßig ein bestimmtes Tonmineral. Ähnlich wie eine Kohletablette entzieht dieses sogenannte Kaolin dem Darm Wasser und bindet Giftstoffe. Den Elefanten hilft es vermutlich, die ungesunden Bestandteile von Blättern und Früchten zu verdauen. Die Roten Colobus-Affen auf Sansibar nehmen zum gleichen Zweck sogar tatsächlich eine Art Kohletablette ein: Sie fressen Holzkohle von verbrannten Bäumen.

Doch wer sagt eigentlich, dass ein gutes Präparat unbedingt von innen wirken muss? Die in Süd- und Mittelamerika lebenden Kapuzineraffen sind nicht dieser Meinung. Sie behandeln ihr Fell mit dem Fruchtfleisch und dem Saft bestimmter Zitrusgewächse, um lästige Insekten loszuwerden. Und auch andere Gewächse wie Tabak, Zwiebeln, Knoblauch oder Pfeffer verwandeln sie mit Zähnen und Händen in stark riechende Einreibemittel.

Etwas anderes steckt vermutlich hinter einem ähnlichen Verhalten, das Helen Celia Morrogh-Bernard von der Universität Cambridge bei Borneo Orang-Utans in Indonesien beobachtet hat. Die Tiere pflückten die Blätter von Tagblumen der Gattung Commelina, zerkauten sie zu einem Brei und schmierten sich die grünlich-weiße Masse sorgfältig auf die Arme – ähnlich wie Menschen, die sich mit Sonnenmilch eincremen. An einen Insektenschutz glaubt die Forscherin nicht. Dazu sei das Verhalten erstens zu selten und zweitens konzentriere es sich zu wenig auf die typischen Aktivitätszeiten der Plagegeister. Für wahrscheinlicher hält sie es, dass die roten Menschenaffen die Pflanze zu ganz ähnlichen Zwecken nutzen wie die Menschen in der Region: Die reiben sich damit bei Muskel- und Gelenkschmerzen ein.

Nester desinfizieren

Menschenaffen oder auch Elefanten mag man solche pharmazeutischen Tricks ja durchaus zutrauen. Doch in letzter Zeit lernen Wissenschaftler zunehmend tierische Apotheker kennen, die nicht unbedingt für besondere Geistesgaben bekannt sind. Insekten zum Beispiel.

Da desinfizieren Ameisen und Bienen ihre Nester mit eigens gesammeltem Harz, um Bakterien und Pilze abzutöten. Schmetterlingsraupen fressen gezielt Pflanzen mit giftigen Inhaltsstoffen und befreien ihren Körper so von Parasiten. Und die Fruchtfliegen setzen zum gleichen Zweck auf eine kräftige Dosis Alkohol. Nun ist exzessives Trinken nicht sonderlich gesundheitsfördernd. Und eigentlich gilt das auch für Fruchtfliegen. Da deren vergorene Früchtenahrung bis zu sechs Prozent Alkohol enthält, vertragen sie diesen zwar viel besser als die meisten anderen Lebewesen. Doch zu hohe Dosen machen auch sie betrunken und verkürzen ihre Lebenserwartung.

Manchmal ist das offenbar das kleinere Übel. Zum Beispiel bei einem Angriff jener winzigen Wespen der Gattung Leptopilina, die den Fliegenlarven gern ihre Eier in den Körper legen. Wenn diese Eindringlinge schlüpfen, fressen sie ihr Opfer von innen auf. Da gilt es, mit harten Waffen zurückzuschlagen. Und da die Wespen deutlich weniger Alkohol vertragen als eine Fruchtfliege, nehmen infizierte Fliegenlarven gezielt mehr Alkohol zu sich als ihre gesunden Artgenossen, zeigen Experimente von Todd Schlenke und seinen Kollegen von der Emory Universität im amerikanischen Atlanta. Etwa 60 Prozent der untersuchten Wespenopfer wurden ihre ungebetenen Gäste auf diese Weise wieder los, ohne Alkoholtherapie dagegen starben alle infizierten Fliegenlarven. Na dann, Prost! Ist ja Medizin.

Buchtipp:

Die Medizin galt lange als Erfindung des Menschen. Genau wie die Politik, die Freundschaft, das Lachen und die Lüge. Doch immer mehr solcher Errungenschaften entdecken Forscher auch bei Tieren. Warum wir nicht so einzigartig sind, wie wir gern glauben, erzählt unsere Autorin Kerstin Viering gemeinsam mit Roland Knauer in ihrem Buch „Wie viel Tier steckt in dir?“, Bloomsbury 2012, 186 S., 14,90 Euro.

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