Autoreifen, Zahnbürsten, Fischernetze, Computer und Flipflops – es gibt kaum etwas, das David Fleet noch nicht am Nordseestrand gefunden hätte. Vieles kommt von weither: „Wir haben hier schon Hummerkörbe von der Ostküste Englands entdeckt und Plastikfolien aus französischen Muschelkulturen“, berichtet der britische Zoologe Fleet. Als Mitarbeiter der Nationalparkverwaltung Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer hat er seit mehr als zehn Jahren im Blick, was das Meer an die Küste schwemmt. An der Nordsee sind es nach aktuellen Zählungen im Durchschnitt 712 Abfallteile pro hundert Meter. „Drei Viertel davon bestehen aus Plastik“, sagt David Fleet. Im Meer kann es Jahrhunderte überdauern.
Abfallhalde Mittelmeer
Naturschützern wie Fleet ist es zu verdanken, dass man heute recht viel weiß über Menge, Zusammensetzung und Herkunft des Mülls an den Ufern des Nordostatlantiks. An der Ostsee hingegen hat das Monitoring, also das systematische Dokumentieren, gerade erst begonnen. Die Experten rechnen mit ähnlichen Ergebnissen wie an der Nordsee. Allerdings sei die Müllmenge variabler und auf bestimmte Regionen konzentriert, sagt der Meeresbiologe Kim Detloff vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu).
Den europäischen Müllrekord halten die Strände am Mittelmeer. Anders als im Norden Europas gelangen dort immer noch große Abfallmengen mit den Flüssen ins Meer oder werden von Müllkippen an der Küste weggeweht. Auf offener See finden sich nach aktueller Schätzung bis zu eine Million Plastikpartikel pro Quadratkilometer. Europas Badewanne enthält damit ebenso viel Schrott wie der Große Pazifische Müllstrudel, ein gigantischer Teppich von der Größe Westeuropas, der zwischen den Küsten Kaliforniens und Japans im Nordpazifik im Uhrzeigersinn rotiert. In den 1990er Jahren entdeckt, wurde der Great Pacific Garbage Patch zum Symbol menschlicher Umweltsünden. Aber auch im Südpazifik, im Indischen und im Atlantischen Ozean fahren riesige Müllhalden Karussell – angetrieben durch Winde und Meeresströmungen. So gelangen die Spuren der Zivilisation bis in die entlegensten Paradiese.
Das Bonobo-Äffchen zeigt sich hier von seiner schönsten Seite. Doch das könnte nicht mehr lange der Fall sein, denn selbst in den Nationalparks der Demokratischen Republik Kongo ist es nicht mehr sicher und wird von Wilderern bedroht. Wenn es wüsste, wie es um die Zukunft seiner Artgenossen bestellt ist, wäre ihm anstelle des breiten Grinsens die Angst ins Gesicht geschrieben.
Foto: Andreas Arnold
Schwertwale sind auch unter den Namen Killerwal und Mörderwal bekannt und gehören zu der Familie der Delfine. Hier ist ein weiblicher Schwertwal mit seinem Kalb zu sehen.
Foto: dpa
Mit dem "Census of Marine Life" wollen Forscher eine Inventur in den Ozeanen durchführen und alle Lebewesen katalogisieren - vom Einzeller bis zum Blauwal. Wir zeigen eine Auswahl. Diese Qualle wurde bei Japan entdeckt. Wenn sie angegriffen fühlt, leuchtet sie dank Biolumineszenz - eine Art Einbrecheralarm.
Foto: AFPDie Ozeane sind zur Deponie geworden, mit schätzungsweise mehr als sechs Millionen Tonnen Abfall. Das Gros besteht aus Kunststoff. Wellenschlag und UV-Licht haben ihn in winzige Teilchen zerfallen lassen, sogenanntes Mikroplastik. Etwa 70 Prozent des Mülls sinkt mit der Zeit auf den Meeresboden, der Rest schwimmt an der Oberfläche oder landet an den Küsten.
Ebenso wie am Mittelmeer gelangt auch in anderen Weltregionen der meiste Abfall vom Land ins Meer. Einen großen Anteil steuern Schifffahrt und Fischerei bei, in der Nordsee sind sie erwiesenermaßen die Hauptverschmutzer. Zwar ist das Überbordwerfen von Kunststoffprodukten verboten, aber es ist in der Regel so viel einfacher und billiger als die Entsorgung im Hafen. Und kontrolliert wird selten.
Herrenlose Geisternetze
Ein großes Problem für die Umwelt sind die verloren gegangenen Fischernetze, die jahrelang in den Meeren treiben. In ihnen verfangen sich Gegenstände – Kim Detloff berichtet zum Beispiel von einem Auto, das fest umgarnt aus der Ostsee gezogen wurde – sowie Schildkröten, Fische und andere Meeresorganismen, die in den Netzen verenden. Manche dieser Geisternetze erreichen mit der Zeit Durchmesser von mehreren hundert Metern, sie reißen Korallen ab oder geraten in Schiffschrauben. Fremde Arten reisen auf ihnen wie auf einem Floß von Küste zu Küste.
Ozeane sind riesige Kohlendioxid-Puffer - doch ein Teufelskreis aus Erderwärmung und zu viel Kohlendioxid lässt Uferbereiche absterben: Das Meer versauert und nimmt weniger CO2 auf, was wieder den Klimawandel beschleunigt. Gleichzeitig sinkt der Sauerstoffgehalt der Meere und seine Bewohner sind dem Tod geweiht. Zu warm, zu sauer und kaum noch Sauerstoff: Auch beim letzten Massenaussterben war der Ozean auf diese Weise aus dem Gleichgewicht gekippt. Mehr zu Übersäuerung beim Alfred-Wegener-Institut und dem Projekt Bioacid.
Aber auch wenn einige wenige Tiere vom Müll profitieren: Für die meisten ist er eine Katastrophe. Albatrosse etwa oder Eissturmvögel verwechseln die Abfallstücke mit Futter und schlagen sich damit den Bauch voll. Sie fühlen sich satt, verhungern aber schließlich mit müllgefülltem Magen. Auch Wale und Delfine fressen den Abfall.
Sorgen bereitet den Experten jedoch vor allem das Mikroplastik. Die massivsten Stückchen sind einige Millimeter groß, vieles liegt im Nanometerbereich. Sie können giftige Zusatzstoffe wie Bisphenol A abgeben. Außerdem wirken die Plastikpartikel wie Magneten auf Schadstoffe aus der Umwelt.
Eine wirkungsvolle Strategie zur Eindämmung der Müllflut fehlt bisher, moniert der World Ocean Review, den Kieler Meeresforscher mit der Zeitschrift Mare herausgegeben haben. Es gibt einzelne Initiativen wie das Projekt Fishing for Litter an der Ostsee. Dort animieren Kim Detloff und seine Mitarbeiter die Fischer, den Müll-Beifang nicht einfach wieder über Bord zu werfen, sondern an der Küste zu entsorgen. Immerhin haben sich im März 35 Staaten auf Initiative der Vereinten Nationen auf die Honolulu-Strategie gegen den Meermüll verständigt und auch die EU will wieder saubere Meere. David Fleet: „Das Thema ist sexy geworden.“
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