Rhein-Main - 7 | 9 | 2011

Prozess

Neonazi muss Anne Frank lesen

Neonazis in Springerstiefeln.
Foto: ddp

Mitglieder einer rechtsextremen Kameradschaft verunzieren Wahlplakate mit Hakenkreuzen. Ihr Chef greift einen Polizisten an, der einschreiten will. Gemeinsam stehen sie danach vor Gericht.

Zusammen wandern habe man wollen. Und Kriegsgräber pflegen. Und sich bei den Hausaufgaben helfen. Was die ehemaligen Mitglieder einer ominösen „Deutschen Hilfsorganisation“ (DHO) am Dienstag im Kasseler Amtsgericht erzählten, ließ an Pfadfinder denken. Doch die DHO, die 2010 von einem Maurerlehrling und einem Bundeswehrsoldaten in Kassel gegründet worden war, war eine rechtsextreme Kameradschaft. Und es war kein Wanderausflug, was DHO-Chef René L. (22) jetzt eine zehnmonatige Bewährungsstrafe eintrug.

Am frühen Morgen des 30. Januar 2011 – pünktlich zum 78. Jahrestag der nationalsozialistischen Machtübernahme also – zog der Kameradschaftsführer mit drei Gefolgsleuten los, um Wahlplakate der Linkspartei zu verunzieren. Mit Hakenkreuzen, SS-Runen und neonazistischer Propaganda. Mehr als 30-mal gelang ihnen das, dann liefen sie einer Zivilstreife über den Weg. Doch René L. ließ sich nicht festnehmen, sondern rammte den Kopf eines Polizisten, der im Gerangel gestolpert war, zweimal auf den Asphalt.

Verfahren unter Auflage eingestellt

Weil Kamerad und Mittäter Christian M. (29) vom Gericht nicht rechtzeitig bis zum Prozess aufgetrieben werden konnte, saß René L. nur mit zwei Jugendlichen auf der Anklagebank − im Jargon der DHO: „Knappen“. Gegen diese wurde das Verfahren unter Auflagen eingestellt: Steven H. (16) muss 20 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten und an einem sozialen Erfahrungskurs teilnehmen – gemeinsam mit jugendlichen Migranten. Lena R. (16) soll „Das Tagebuch der Anne Frank“ lesen, schriftlich zusammenfassen und dann mit dem Richter diskutieren. (jft.)

Artikel URL: http://www.fr-online.de/rhein-main/prozess-neonazi-muss-anne-frank-lesen,1472796,10802506.html
Copyright © 2010 Frankfurter Rundschau