Neonazi-Terror
Die Zwickauer Zelle, ihr Terror und die Folgen

20. August 2012

Frauen in der Neonazi-Szene: Heimchen und der Hitlergruß

Rot wie Blut: Immerhin tadellos manikürte Teilnehmerin einer NPD-Demonstration im Mai.  Foto: dpa/Carsten Rehder

Die Journalistin Andrea Röpke kennt die rechte Szene wie kaum eine andere. Im Interview spricht sie über Frauen in der Neonazi-Szene und gefährliche Recherchen im rechten Milieu.

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Die Journalistin Andrea Röpke kennt die rechte Szene wie kaum eine andere. Im Interview spricht sie über Frauen in der Neonazi-Szene und gefährliche Recherchen im rechten Milieu.

Andrea Röpke zählt zu den besten Kennern der rechten Szene in Deutschland. Bei ihren Recherchen wurde sie bereits mehrfach angegriffen. Die Gefahr nimmt Röpke aus Idealismus in Kauf: „Ich möchte die Gesellschaft mitgestalten, möchte sie menschenfreundlicher machen“, sagt die Journalistin.

Frau Röpke, Sie beobachten seit vielen Jahren die Neonazi-Szene und haben mit Andreas Speit das Buch „Mädelsache!“ über Frauen in der Neonazi-Szene veröffentlicht. Woher kam dieser Fokus?

Die Journalistin und Autorin Andrea Röpke.
Die Journalistin und Autorin Andrea Röpke.
Foto: Privat

Wir haben festgestellt, dass Frauen als überzeugte rassistische, fanatische Gesinnungstäterinnen viel zu wenig wahrgenommen werden. Dabei sind viele in der rechten Szene sehr engagiert, treiben die menschenverachtende Ideologie aktiv voran und beteiligen sich an Aktionen, Kampagnen und Straftaten. Die 1994 verbotene, militante Wiking-Jugend bestand zu 40 Prozent aus Mädchen und Frauen.

Die Bild-Zeitung hat die verhaftete Beate Zschäpe als „Nazi-Braut“ bezeichnet. Verharmlosen Medien die Frauen in der rechten Szene?

Es gab nach 1945 immer überzeugte Neonazistinnen, ebenso wie im Dritten Reich, das von Frauen aktiv mit unterstützt wurde. Die Rolle der Frauen wurde in den letzten Jahrzehnten unterschätzt, weil sie als Heimchen am Herd oder als unpolitische Freundin eines Skinheads wahrgenommen wurden. In den Medien und auch der breiten Öffentlichkeit wird immer davon ausgegangen, dass Frauen in die Szene nur reinrutschen, weil sie die Freundin eines Rechten sind und sie auch fast nichts über dessen Ansichten wissen. Es fällt uns schwer, einzugestehen, dass Frauen fanatisch sein können, dass sie die Strategien der Nazis ganz bewusst mittragen und mit dieser Einstellung sogar in sensiblen Bereichen wie Schulen und Kindergärten arbeiten.

Wird sich diese Wahrnehmung durch Beate Zschäpe ändern?

Durch ihre Person nicht. Sie erfüllte ja das Klischee: eine junge Frau, die mit zwei bösen Neonazis zusammenlebte, das wurde zunächst boulevardistisch gerne verbreitet. Gott sei Dank haben die Medien begonnen, das zu hinterfragen.

Sie leisten seit vielen Jahren Aufklärungsarbeit. Ist die Berichterstattung ausreichend?

Ich finde es fragwürdig, wenn man es sich so einfach macht und in der „Tagesschau“ über einen NPD-Parteitag berichtet, als sei dies eine normale Partei wie jede andere. Das wollen die Nazis ja: Raus aus der Schmuddelecke, Akzeptanz bis hin zu einer Normalisierung ihrer Partei. Wenn wir als Journalisten uns da nicht tief einarbeiten, hinter die Kulissen schauen, nachhaltig an dem Thema dranbleiben, dann passiert so etwas: eine normale, oberflächliche Berichterstattung über die NPD.

An Wahlabenden verlassen immer wieder Politiker die „Elefantenrunde“ im Fernsehen, wenn auch ein Vertreter einer rechten Partei anwesend ist. Die richtige Reaktion?

Wir müssen uns nicht einbilden, dass man Neonazis überzeugen kann. Mit ihnen konstruktiv über ihre Gesinnung zu diskutieren – das geht nicht. Ich bin für klare Absprachen der politischen Parteien, wie sie sich gegenüber Neonazis verhalten. Die NPD finanziert sich momentan zu fast 50 Prozent über Steuergelder, sie sitzt in zwei Landesparlamenten, besitzt über 500 kommunale Mandate – sie hat sich unglaublich professionalisiert. Wenn eine Partei den Sprung in ein Landesparlament schafft, sollten die betreffenden Moderatoren und Redakteure gut vorbereitet sein und vor allem die vielen Schwächen der rechten Partei und ihres Umfelds bestens kennen. Sie sollten den Rechten Redezeit geben, aber nur in begrenztem Maße. Sie sollten ihnen kein Podium bieten, um menschenverachtende Sprüche abzulassen. Aber es ist schwierig, weil sich die Neonazis lange und intensiv darauf vorbereiten. Sie haben viele Fachleute und Akademiker in ihren Reihen, die sie schulen.

Sind deutsche Medien links genug?

Ob man das so bezeichnen muss? Auf jeden Fall stecken die meisten Medien zu wenig Geld in investigative Recherchen, sind zu wenig nachhaltig und reagieren zu hysterisch auf thematische Hypes anstatt sich zu fragen: Wie gehen wir souverän damit um? Die als links-alternativ geltende taz hat da schon eine Vorbildfunktion, sie ist ständig am Thema dran und hat im Nordteil sogar eine wöchentliche Kolumne zum Thema, das ist einzigartig. Sie verlässt sich nicht auf die Aussagen des Verfassungsschutzes, sondern stellt eigene Recherchen an. Aber es gibt auch gute Internet-Fachportale wie „Blick nach Rechts“, die oft als links verschrien werden, weil sie aus dem Umfeld der SPD oder anderer Parteien initiiert wurden. Dabei klärt der „Blick nach Rechts“ aktuell und kontinuierlich zum Thema Neonazismus auf. Tagesredaktionen könnten viel häufiger auf solche Informationsquellen zurückgreifen.

Zur Person

Andrea Röpke ist Diplom-Politologin und freie Journalistin mit dem Themenschwerpunkt Rechtsextremismus. Sie recherchiert seit Beginn der 90er-Jahre in der rechtsextremen Szene.

Ihre Insider-Reportagen, etwa über die Heimattreue Deutsche Jugend oder über Freie Kameradschaften, wurden in TV-Magazinen wie „Spiegel-TV“ oder „Panorama“ (NDR) gesendet, in Zeitungen und Magazinen abgedruckt und auch von der Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlicht.

Wann haben Redaktionen besonderes Interesse an Ihrer Arbeit?

Unsere Fotos oder Filme gehen am besten weg, wenn der Hitlergruß zu sehen ist. Ich bekomme oft zu hören, dass Rechtsextremismus ein Quotenkiller ist, dass die Zuschauer kein Interesse daran haben. Und wenn schon unbedingt das Thema, dann soll es bitte mit Action sein, einen aktuellen Aufhänger geben, Brandstiftungen, Anschläge oder schlimme Übergriffe. Allerdings hat durch den NSU bei den öffentlich-rechtlichen Sendern ein Umdenken stattgefunden. Sie sehen jetzt eher die Wichtigkeit und Brisanz.

Sie recherchieren in einem Milieu, in dem viele gewaltbereit sind. Wie schützen Sie sich als Person?

Die Öffentlichkeit schützt bis zu einem gewissen Maße, aber auch die Redaktionen, die immer wieder Stellung für uns beziehen. Ich schütze mich auch durch die Arbeit in Gewerkschaften und durch mein bewusst öffentliches Auftreten. Und dann gibt es bei den Recherchen vor Ort natürlich bestimmte Vorsichtmaßnahmen. Diese Arbeit muss sehr genau geplant sein.

Sie wurden in einem Supermarkt von einem Neonazi angegriffen, niemand kam Ihnen zu Hilfe.

Das war 2006 bei Recherchen zur Heimattreuen Deutschen Jugend. Wir hatten erschreckende Fotos der Zeltlager veröffentlicht, und als wir dann an einem anderen Ort weiter recherchieren wollten, haben die uns bis in den Supermarkt verfolgt. Das war morgens um zehn, mitten in Brandenburg. Wir hatten die Polizei über das große Neonazi-Treffen informiert, sie waren dennoch nicht präsent. Niemand half, viele schauten starr zu. Das alles war ziemlich erschreckend für mich. Ich spürte zum ersten Mal dieses Opfergefühl, völlig hilflos zu sein. Ich hatte glücklicherweise eine Kamera um. So konnte der Täter letztlich überführt und verurteilt werden. Es war eine harte Erfahrung für mich. Wir Fachjournalisten werden von der Polizei oft als Störenfriede angesehen, weil wir immer wieder aufrütteln. Das macht uns unbeliebt, wir seien die „Nestbeschmutzer“, heißt es nicht selten, die Neonazis im Ort dagegen „nette Kerle“.

Das Interview führte Natascha Mahle.

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