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Neonazi-Terror
Die Zwickauer Zelle, ihr Terror und die Folgen

05. Mai 2014

Frauen und Rechtsextremismus: Zschäpe ist nicht allein

 Von 
Beate Zschäpe im Gerichtssaal.  Foto: REUTERS

Die Rolle der Frauen in der rechtsextremistischen Szene wird laut einer Studie häufig unterschätzt. Die Amadeu-Antonio-Stiftung stellt in ihrer Untersuchung fest, dass bis zu ein Drittel der militanten Rechtsextremen weiblich sind.

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Seit einem Jahr steht Beate Zschäpe jetzt vor dem Oberlandesgericht München, um sich für die Taten des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) zu verantworten. Da die 39-jährige Thüringerin der Öffentlichkeit gern den Rücken zukehrt und ansonsten beharrlich schweigt, ist ihr Anteil am Werk der Gruppe bis heute schwer zu überschauen.

Ungeachtet des Ausgangs des Prozesses warnt die Amadeu-Antonio-Stiftung allerdings generell davor, die Rolle von Frauen in der rechtsextremistischen Szene zu unterschätzen. Dies ergibt sich aus einer jetzt von der Stiftung herausgegebenen schriftlichen Analyse, die am Montag in Berlin vorgestellt wurde.

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Der eine Grund ist Zschäpe. So wies eine Anwältin der Nebenklage im NSU-Prozess, Antonia von der Behrens, daraufhin, dass diese schon früh eine einschlägige Rolle spielte. Zschäpe habe in den neunziger Jahren, als die Gruppe noch im heimatlichen Jena lebte, in mindestens zwei Fällen persönlich Gewalt angewandt und sei bekanntermaßen eine Waffennärrin gewesen. An der rechtsextremistischen Ideologie halte sie bis heute fest. Zschäpe sei jedenfalls mehr als die „Freundin von“ – in diesem Fall Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos.

Und: Zschäpe ist nicht allein. Expertinnen gehen davon aus, dass bis zu einem Drittel der militanten Szene aus Frauen besteht und bis zu zehn Prozent der rechtsextremistischen Straf- und Gewalttaten von Frauen begangen werden – auch wenn exakte Zahlen fehlen. Unter den Trägern rechtsextremistischen Gedankenguts lägen sie mit den Männern gleichauf.

Angeblich unwissend

Im Münchner Gerichtssaal gäben sich die Frauen mal selbstbewusst, mal wehleidig, aber stets mehr oder weniger unwissend, hat von der Behrens beobachtet. In einem Fall sei der Vorsitzende Richter Manfred Götzl dem Schauspiel auf den Leim gegangen und habe eine weinende Zeugin gegen die Fragen der Nebenkläger in Schutz genommen. Das müsse sich ändern und werde sich vielleicht auch ändern.

1 Jahr NSU-Prozess

Seit dem 6. Mai 2013 wird in München über die Taten der Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) verhandelt. Beate Zschäpe ist die Hauptangeklagte, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos sind nicht mehr am Leben. Die rechtsextreme Gruppe soll in den Jahren zwischen 2000 und 2007 zehn Menschen getötet haben: neun Geschäftsleute ausländischer Herkunft und eine deutsche Polizistin

An bislang 109 Verhandlungstagen wurden 246 Zeugen und Sachverständige befragt. Ein Ende des Prozesses ist nicht absehbar. Weil Zschäpe nicht redet, muss das Gericht in mühevoller Kleinarbeit versuchen, ein Puzzle mit Tausenden Teilen zusammenzusetzen.

Klar ist ebenso: Die Rolle der rechtsextremistischen Frauen wird falsch bewertet. Man ordne das Aggressiv-Böse traditionell eher den Männern zu, sagte Esther Lehnert von der Fachstelle Gender und Rechtsextremismus. Dies gelte auch hier. Der Gerichtsbeobachter Ulrich Overdieck wusste gar zu berichten, dass die bayerische Polizei bei einer ersten Rasterfahndung nach den Tätern der NSU-Mordserie zwar mutmaßte, dass es sich um Rechtsextremisten handeln könnte. Frauen wurden allerdings der Einfachheit halber aus der besagten Rasterfahndung ausgesondert – getreu der Devise: Die können es ja nicht gewesen sein.

Übrigens sind die Frauen in der rechtsextremistischen Szene für die Kindererziehung zuständig. Alles andere würde sich mit dem neonazistischen Weltbild kaum vertragen. Das freilich bedeutet, dass Kinder bei Ausstiegshilfen mit bedacht werden müssen. In Schulen und Kindergärten müssten Lehrer und Erzieherinnen professionell geschult werden, hieß es – in rechtsextremer Ideologie, Lifestyles und Kleidungen; aber auch im Umgang mit entsprechend eingestellten Eltern, die sich oftmals als Kader rechter Organisationen entpuppten.

Das gelte nicht zuletzt für Sportvereine. So habe die Olympia-Ruderin Nadja Drygalla 2012 das Olympische Team in London verlassen, weil ihre Beziehung zu einem führenden Neonazi im selben Sportclub bekannt wurde.

Heike Radvan, ebenfalls von der Fachstelle Gender und Rechtsextremismus, beklagte deshalb, dass rechtsextremistische Frauen ignoriert würden. Und sie mahnte: „Es braucht eine andere Aufmerksamkeit für das Thema.“ Weit über Zschäpe hinaus.

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